Zwischen Sternenstaub und Nähe – Alin Coen über ihr neues Album, Mut und das, was wirklich trägt

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Ein neues Kapitel beginnt. Mit „Du bedeutest mir die Welt“ kehrt Alin Coen am 29. Mai 2026 zurück. Das Album wirkt wie eine leise, aber kraftvolle Bewegung nach innen und gleichzeitig nach außen. Es geht um Nähe, Verantwortung und die Frage, wie wir miteinander verbunden bleiben, auch wenn es schwer wird. Zwischen kosmischer Weite und ganz intimen Momenten entsteht eine Musik, die nicht laut sein muss, um tief zu treffen. Kurz vor der Veröffentlichung, am 28. Mai, setzen wir genau hier an.

Dein neues Album „Du bedeutest mir die Welt“ erscheint am 29. Mai. Wenn du jetzt, kurz davor, drauf blickst – was war der Moment, in dem du wusstest, das ist genau das Album, das ich jetzt erzählen muss?

Ich hatte ja eigentlich ganz was anderes vor. Ich wollte ein tanzbares Album schreiben, weil ich es so gern mag, wenn das Publikum sich bei unseren Konzerten bewegt. Immerhin das Outro von „Alles beginnt im All“ ist tanzbar geworden. Die anderen neun Lieder eher nicht – wobei ich schon Leute auf unseren Konzerten zu meinem Song „Wolken“ hab tanzen sehen, insofern lass ich mich mal überraschen, was das Publikum draus macht. Aber zurück zu diesem Album: Ich habe eine lange Schreibpause gehabt. Dreieinhalb Jahre habe ich kein Lied geschrieben. Dann bin ich zu einem Vortrag des YouTubers Niklas Kolorz über Weltraumforschung gegangen. Ein paar Tage später habe ich den Song „Alles beginnt im All“ angefangen. Das war für mich der Moment, in dem ich beschloss, endlich wieder ein Album zu schreiben. Ich hatte ab dann die Vorstellung, etwas Warmes und Liebevolles machen zu wollen. Das haut schon eher hin, als das mit dem tanzbaren Album – aber den Plan habe ich noch nicht ad acta gelegt. Für das nächste Album nehme ich mir vor, Leute zum Tanzen zu bringen. 

    Du arbeitest stark mit Gegensätzen. Weite und Nähe, Licht und Zweifel. War das ein bewusster künstlerischer Zugriff oder hat sich das im Prozess ergeben?

    Ich glaube vieles passiert intuitiv. Es ergibt sich so. Ich will, dass sich alles sauber reimt und darüber entwickeln sich die Inhalte. Wenn ich versuche etwas zu steuern, sieht es am Ende doch ganz anders aus, als das, was ich vorhatte. Bei „Bis bald“ zum Beispiel wollte ich ursprünglich die Geschichte von der Entstehung einer Freundschaft erzählen, aber bei der zweiten Strophe merkte ich schon, dass es mehr Fallhöhe braucht, also wurde in der zweiten Strophe einseitige Verliebtheit und Enttäuschung daraus. Bei der dritten Strophe merkte ich, dass ich es nicht dabei belassen wollte, sondern, dass ich mir ein Happy End wünsche. Also haben die beiden Charaktere ein bisschen Funkstille und dann eine Familiengründung verpasst bekommen. Ich habe sowas nicht von Anfang an vor. Es entsteht im Prozess.

    Songs wie „Alles beginnt im All“ oder „Mond und Erde“ öffnen einen fast kosmischen Raum. Was hat dich zu dieser Bildsprache geführt und was sagt sie über deinen Blick auf Veränderung?

    Eine Freundin von mir sagte mal, sie habe ab dem Moment, als sie Mutter wurde, eine riesengroße Verbundenheit mit dem Kosmos gespürt. Vielleicht hat mich das auch inspiriert bei dem Song „Alles beginnt im All“. Es beginnt mit der Entstehung des Universums, geht dann in die Entwicklung des Lebens auf der Erde und in der letzten Strophe führt es mit „Alles beginnt im Bauch, deine Geschichte auch“ zur Geburt eines Kindes und der Liebe für dieses Kind. Das Lied legt dar, wie der ganze Kosmos mit der Liebe für ein Wesen zusammenhängt. Alles an diesem Lied beschreibt etwas, das mit Veränderung zu tun hat. Aber ich singe in dem Lied auch: „Alles mit seiner Zeit, nach 40 Wochen sind wir bereit.“ Für manche Veränderungen brauchen wir halt genug Zeit, um uns darauf einlassen zu können – wenn sie denn sinnvoll sind. Es gibt nämlich Veränderungen die ich gut finde, z.B. Bewegung in Richtung Geschlechtergerechtigkeit, auch wenn mir die Veränderung dahin viel zu langsam geht. Und es gibt Veränderungen, die ich überhaupt nicht gut finde, z.B. wenn Tech-Firmen Software entwickeln, die meine Stimme und die anderer Sänger*innen kopieren und unsere Songs zum Trainieren nutzen – aber zu keinerlei sozialer Verantwortung verpflichtet werden. Das finde ich eine Veränderung, gegen die es Widerstand und Gesetze geben muss.

    Gleichzeitig stehen Stücke wie „Atme ein, atme aus“ oder „Keine Eile“ für Ruhe und Erdung. Wie findest du dieses Gleichgewicht zwischen innerer Unruhe und bewusstem Innehalten?

    Bei beiden Songs habe ich Leute vor Augen gehabt, an die ich das jeweilige Lied gerichtet habe. Ich hab mir gewünscht, dass ich ihnen Trost oder Halt geben könnte. Das eine ist wie eine geführte Meditation nur in gesungen, das andere ist eher unterstützender Zuspruch, um in einer schweren Situation durchzuhalten. Mir selber hilft es, in Zeiten in denen ich mich unruhig fühle geführte Meditationen zu hören. Ich habe vor einer Weile 5-Minuten Meditationen von Abigail Poulton entdeckt und das tut irgendwie sehr gut. Ich habe allerdings 2012 ohne Vorkenntnisse an einer 10-tägigen Schweigemeditation (Vipassana) teilgenommen und daraus viel mitnehmen können und denke mir immer, ich müsste mehr meditieren. Aber ich bin nicht so konsequent und krieg regelmäßiges Meditieren nicht hin. Liederschreiben ist allerdings auch so ein Zustand, der ähnlich beruhigend auf mich wirkt wie Meditation.

    Deine Texte kreisen stark um Beziehungen. Eltern, Freundschaften, Liebe. Was hat sich in deinem Blick auf diese Verbindungen in den letzten Jahren verändert?

    Die Perspektive des Elternseins ist dazugekommen. Ich bin vor 9 Jahren Elternteil geworden. Da lernt man Bindung und Beziehung auf eine neue Art kennen. Bei der Meditation 2012 hatte ich einen ausgeprägten Wunsch, mehr Raum für andere Menschen in meinem Leben zu geben und selber nicht so viel Raum einzunehmen. 5 Jahre später wurde dieser Raum durch mein erstes Kind sehr deutlich eingefordert – mein Wunsch hat sich also erfüllt, auch wenn ich die konkrete Umsetzung des Wunsches so nicht hatte kommen sehen. Mein Partner und ich geben dem Familienleben viel Raum und Zeit. 
    Aber ich bin gar nicht so zufrieden mit dem Gesellschaftsmodell, was uns in diese kleinen Kernfamilien aufteilt. Vorab: Mein Partner ist ein Super-Papa und übernimmt eher mehr als 50% der Care-Arbeit und auch bei meinen Eltern war die Rollenverteilung nicht klassisch, sondern meine Mutter ist arbeiten gegangen und mein Vater war für die Kinderbetreuung zuständig. Aber in meinem Umfeld ist die Verteilung, selbst bei Leuten, die sich als modern wahrnehmen und sich vorgenommen hatten, die Care-Arbeit gerecht zu verteilen, überwiegend noch anders herum. Ein relevanter Faktor ist dabei der Gender-Pay-Gap.
    Obwohl ich also persönlich das Glück habe, in einem gleichberechtigten Umfeld zu leben, hat sich mein Blick auf Beziehungen dahingehend verändert, dass ich denke, dass individuelles Glück nicht von strukturellen Fragen zu trennen ist. Früher sah ich Beziehungen vielleicht mehr als Verbindung zwischen zwei Menschen. Heute nehme ich stärker wahr, wie sie auch ein System bilden, das uns entweder stützt oder ausgrenzt. Ich nehme immer mehr die Relevanz von Community wahr – und dass sie mir fehlt. Ich wünsche mir tragfähige gemeinschaftliche Netzwerke.

    Du zeigst Verletzlichkeit sehr offen. Gerade in einer Branche, die oft auf Inszenierung setzt. Wo ziehst du für dich die Grenze zwischen Ehrlichkeit und Selbstschutz?

    Es gibt für mich eine klare Unterscheidung zwischen „persönlich“ und „privat“. Ich bin in meinen Texten vielleicht persönlich, aber ich werde nicht privat. Ich mag sehr gerne über Gefühle singen, aber es sind keine vertonten Tagebucheinträge, sondern Geschichten, die ich mir ausgedacht habe. Auf Ehrlichkeit will ich nicht verzichten, aber ich muss auch nicht alles preisgeben. Ich habe einen durchsetzungsfähigen introvertierten Anteil. Ich befürchte der hat auch großen Einfluss auf meinen Social-Media-Schweinehund.

    Du gehst mit dem Album direkt auf Tour, Start ist Ende Mai. Wie verändert sich diese neue Musik auf der Bühne im Vergleich zum Studio?

    Wir haben alle Stücke schon live gespielt, bevor wir damit ins Studio gegangen sind. Die Stücke reifen auf der Bühne enorm, daher mögen wir es als Band, wenn wir Lieder schon ein paar Mal live aufgeführt haben, bevor wir sie im Studio aufnehmen. Auf den Aufnahmen im Studio hatte ich Gast-Musiker*innen dabei, die Backgroundchöre gesungen haben, oder Gitarren eingespielt haben – auf der Bühne sind wir zu dritt und machen Versionen, die zu dritt gut klappen. Wir treffen uns vor der Tour für Proben und überlegen gemeinsam, wie wir das schön umgesetzt kriegen oder machen Versionen, die vielleicht nicht so wie auf dem Album sind, aber sich für uns gut anfühlen. Es gibt übrigens ein Lied – Du bedeutest mir die Welt – bei dem wir live immer das Publikum am Ende einen mehrstimmigen Chor haben mitsingen lassen. Es hat sich immer so schön angefühlt, dass ich für die Album-Version einen 50-köpfigen Laien-Chor gefragt habe, ob sie das singen könnten, was das Publikum dort sonst immer singt. Wenn wir das Stück nicht vorher schon mit Publikum ausprobiert hätten, wäre ich bestimmt nicht auf die Idee gekommen, aber das ist jetzt eine meiner absoluten Lieblingsstellen vom Album, der Moment wo dieser super sympathische Pump’n Chor einsteigt. 

    Deine Live-Auftritte gelten als besonders intensiv. Was ist für dich der entscheidende Moment, in dem ein Konzert wirklich funktioniert?

    Das ist tatsächlich eine Frage, die ich früher immer erst nach einem Konzert für mich klären konnte. Ich war früher so unsicher darüber, ob sich etwas transportiert hat und ob das, was wir da gemacht haben für irgendwen Sinn ergibt. Bei mir kam der Eindruck, dass es schön war, häufig erst durch Gespräche am Merch-Stand nach dem Konzert, wo mir Leute erzählten, dass sie berührt waren, dass sie geweint haben, oder dass sie es einfach toll fanden. Inzwischen genieße ich fast jedes Konzert schon während wir noch auf der Bühne stehen. Ich bin immer super fasziniert und dankbar dafür, wenn diese ganz große Ruhe entsteht. Wenn in den Pausen zwischen den Tönen einfach zu spüren ist, mit was für einer großen Aufmerksamkeit alle bei der Sache sind. Aber ich mag auch die exaltierten Leute, die in so einen Moment ihre Begeisterung durch freudiges „Wir lieben Dich!“ zum Ausdruck bringen.

    Du arbeitest wieder mit Fabian Stevens und Philipp Martin zusammen. Was macht diese Zusammenarbeit für dich so tragend, gerade bei einem so persönlichen Album?

    Wir sind seit 2007 eine Band. Die zwei kennen mich musikalisch extrem gut, können sofort darauf reagieren, wenn ich Mist gebaut habe und ich von irgendwo mitten im Song nochmal neu ansetze. Fabian, unser Schlagzeuger weiß auch, an welchen Stellen ich die Tendenz habe zu rennen und gleicht sofort aus. Die zwei waren für mich immer ein Dream-Team. Die haben auch bevor wir als Band zusammenkamen schon gemeinsam ihr Jazzstudium begonnen und sind einfach sehr lustig oder humorvoll miteinander. Ich habe ein riesiges Glück, die beiden gefunden und seit fast 20 Jahren bei Konzerten und Aufnahmen an meiner Seite zu haben. 

    Wenn dieses Interview am 28. Mai erscheint, also direkt vor Release. Was wünschst du dir, dass die Menschen fühlen, wenn sie am nächsten Tag dein Album zum ersten Mal hören?

    Friede, Freude und Eierkuchen. 

    Danke dir für deine Zeit und deine Offenheit. Man merkt, wie viel Haltung, Gefühl und Klarheit in deiner Arbeit steckt. Für den Release von „Du bedeutest mir die Welt“ und die kommende Tour wünsche ich dir volle Räume, wache Ohren und viele dieser leisen, starken Momente, die bleiben.

    Interview by CK 

    Alin: Herzlichen Dank zurück!

    Alin Coen Bild © by Tristan Vostry

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