Mit „Standing On The Moon“ veröffentlicht Port Noo am 05. Juni 2026 eine neue EP und startet am selben Tag auch direkt die Tour. Hinter dem Projekt steht Hannah Permanetter, Musikerin, Songwriterin und kreative Unruhestifterin zwischen Berlin und München. Nach Jahren zwischen Familie, Kulturarbeit und musikalischer Pause kehrt sie mit sechs neuen Songs zurück, die melancholisch, direkt und überraschend leichtfüßig klingen. Wir sprechen über Neustarts, DIY, Zweifel und die Frage, warum manchmal genau der richtige Moment erst sehr spät kommt.
„Standing On The Moon“ klingt wie ein Neuanfang. War diese EP eher Rückkehr oder eher Befreiung?
Auf jeden Fall Befreiung, Emanzipation auf der ganzen Linie. Endlich alles selbst entscheiden. Endlich nur machen, was mir persönlich gefällt. Nicht darüber nachdenken, was angesagt ist oder cool. Mir von niemandem erzählen lassen, dass ich hinter dem Keyboard besser wirke, oder ich nur den richtigen Produzenten brauche, dann könnte ich ein “Rockstar” sein. Überhaupt. Wer will denn Rockstar sein? Bei diesen Songs war mein Motto, so lange unterschiedliche Parts und Sounds ausprobieren bis ich schmunzeln muss. Oder mir ein lautes HA rausrutscht. Mir muss es Spaß bringen oder mich überraschen. Sonst ist es nicht gut.
Sieben Jahre Pause vom klassischen Musikmachen sind lang. Gab es einen konkreten Moment, an dem klar war, jetzt reicht es, jetzt müssen wieder Songs her?
Ich hatte eine wirklich tolle Zeit in den sieben Jahren, in denen ich mein Café hatte. Und ich habe in dieser Zeit wahnsinnig viel über mich und über die Menschen um mich gelernt. Aber nach ein paar Jahren wurde klar, dass nichts, egal wie gerne ich es mache, für mich so wichtig ist, wie Songs zu schreiben und Musik zu machen. Das Café, die endlose Arbeit gegen die sich verändernde Zeit, die fehlende Energie und Zeit für meine Familie, und der Tod meiner Mutter, haben mich ziemlich depressiv werden lassen. Erst das Gespräch mit einer Therapeutin hat mir klar gemacht, dass ich am Rande eines Burnouts stehe. Und dass ich meine Songs brauche, um gesund zu werden und zu bleiben. Andere schreiben Tagebuch. Ich schreibe Songs.
Die erste Single „Everyone Is Sad“ trifft einen sehr zeitgenössischen Nerv. Wie viel davon ist persönliche Beobachtung und wie viel gesellschaftlicher Kommentar?
Wahrscheinlich 50/50? Einen Großteil dieses Songs habe ich in Italien geschrieben, im August, bei 40 Grad im Schatten. Ich bin nicht so der Hitzetyp. Und ich habe mich da nicht sehr wohl gefühlt. Und viel darüber nachgedacht, wie lange es wohl noch dauert, bevor die Menschen im Sommer gar nicht mehr in den Süden fahren, geschweige denn da leben können? Und als ich dann, einige Zeit später, an dem Song weitergeschrieben habe, war meine Mutter noch kein Jahr verstorben. Und ich habe viel über den Umgang mit Verlust nachgedacht, wie unterschiedlich die Menschen darauf reagieren. Wie unterschiedlich lange die Verarbeitung dauert. Also es geht schon viel um meine eigene Perspektive darauf. Aber eben auch darum, was mit dieser Welt passiert, wenn wir nicht auf sie und aufeinander aufpassen.
Deine Songs wirken sehr nahbar, aber nie privat um jeden Preis. Wo ziehst du beim Schreiben die Grenze zwischen Ehrlichkeit und Schutzraum?
Ich weiß gar nicht, ob ich da eine Grenze ziehe. Wenn es um andere geht, schon. Aber von mir selbst habe ich eigentlich nichts zu verbergen. Nicht, dass es mir bewusst wäre jedenfalls. Ich will mich nur auch nicht selber langweilen. Immer direkt zu schreiben, wie es mir warum geht, ist wirklich nicht so spannend. Und auch nicht poetisch, finde ich. Ich suche lieber nach schönen bzw spannenden Bildern und Umschreibungen. Das klingt dann nicht nur besser, sondern öffnet vielleicht auch eine Tür zu einer neuen Perspektive. Und wenn dann noch eine andere Person auch etwas damit anfangen kann, verändert sich wieder die Perspektive. Und vielleicht entstehen so neue Gedanken und Ideen in der Welt. Im Idealfall…
Port Noo lebt stark von musikalischen Kontrasten. Folk, Indie-Pop, 90er-Sounds, Soul-Anleihen. Wie bewusst steuerst du diese Mischung und wann passiert sie einfach intuitiv?
Ich glaube das ist wieder das mit dem Spaß haben. Das meiste passiert intuitiv und vor allem spontan. Es gibt so viel tolle Musik da draußen! Ich höre ständig Sachen, von denen ich denke: “Das will ich auch mal machen!” Aber meistens kann ich das dann gar nicht. Aus technischen Gründen. Z.B. wollte ich unbedingt mal allein im Proberaum Lenny Kravitz “Are You Gonna Go My Way” singen, so wie er das singt oder schreit. Aber das kann ich gar nicht. Das müsste ich wahrscheinlich erst jahrelang üben. Und dann würde es trotzdem nicht so klingen. Am besten komme ich zurecht, wenn ich darauf höre was ein Song mitbringt. Und wenn es dann zufällig kurz nach Lenny klingt (was nicht passieren wird), dann kommt da wieder dieses Schmunzeln oder das HA! Ich freu mich, wenn ich Referenzen in meiner Musik entdecke. Aber tatsächlich denke ich manchmal, wenn ich so “Ground-Hog-Day”-mäßig, den gleichen Song immer wieder aufnehmen würde, ohne zu wissen, dass ich den gleichen Song immer wieder aufnehme, würde er wahrscheinlich jedes Mal komplett anders klingen. Je nach Stimmung. Vielleicht ist das aber auch Quatsch. We will never know!
Du hast dir für diese Phase viel selbst aufgebaut, vom Homerecording bis zur gesamten DIY-Struktur. Was war dabei die größte Herausforderung und was davon willst du nie wieder abgeben?
Die größte Herausforderung ist für mich, glaube ich, Marketing und Promotion. Den Leuten erzählen zu müssen, dass sie sich unbedingt meine Musik anhören oder zu meinem Konzert kommen und dafür noch Geld ausgeben sollen, fällt mir am schwersten. Das ist fast, als würde ich ständig alle um einen Gefallen bitten. Dafür fehlt es mir an Selbstwertgefühl, glaube ich. Und es liegt vielleicht auch daran, dass ich es selbst nicht leiden kann, wenn mir jemand erzählen will, was ich unbedingt brauche oder kaufen soll. Wenn das mal eine andere Person für mich übernehmen würde, das wäre schon was! Das Produzieren bzw. Arrangieren will ich jedenfalls erstmal nicht wieder aus der Hand geben. Das macht einfach zu viel Spaß.
Mit Barbara Mayer, Martina Barakoska sowie Rebecca Motzel und Paula Leitner ist aus dem Projekt wieder deutlich mehr Bandgefühl entstanden. Wie sehr hat diese neue Dynamik die Songs verändert?
Auf der Suche nach Musikerinnen bin ich als erstes auf Paula und Becci gestoßen. Nachdem die beiden aber keine Instrumente spielen, habe ich mich direkt dafür entschieden, richtig viele Backing Vocals einzubauen. Das wollte ich immer schon machen. Das hat riesigen Spaß gemacht. Martina hatte ich für’s Studio gebucht. Da waren die Songs fertig, aber größtenteils ohne Drums. Wir hatten einen Tag, um die Drumparts zu schreiben und aufzunehmen. Das war eine riesige Herausforderung für mich, denn Drumparts hatte ich wirklich noch nie geschrieben. Aber Martina ist so virtuos und professionell, sie hat super schnell verstanden, worum es mir geht, und immer tolle Ideen gehabt. Dass sie jetzt auch mit auf Tour geht, hat sich erst danach ergeben. Für sie ist es auch die erste reine Frauenband. Das macht halt einfach Spaß.
Viele Künstler versuchen nach einer Pause besonders laut zurückzukommen. Deine EP wirkt eher kontrolliert und bewusst leise. War das eine künstlerische Entscheidung gegen den Druck des Musikmarkts?
Welcher Musikmarkt? Ich habe das Gefühl, mit dem habe ich eh nichts zu tun. Ich glaube, das hat mehr mit dem Kern meiner Musik zu tun. Oder auch mit meinem „Kern“. Ich bin meistens eher kontrolliert und leise. Wie gesagt, mein “Are You Gonna Go My Way” wird nie nach Lenny klingen. So cool ich das auch fände! Naja und dann hab ich halt zuhause in unserem Arbeitszimmer aufgenommen. Mit ständig schlechtem Gewissen den Nachbarn gegenüber. Die haben sich zum Glück nie beschwert. Aber zur Sicherheit war mein Gitarrenamp immer gerade nur so laut, dass ich überhaupt etwas hören konnte. So auf Einstellung 2 oder so. Und die Gitarre habe ich auch immer ohne Plektrum gespielt, nur mit den Fingern. So hat mir der Sound am besten gefallen, und es war schön leise. Und es hat den Songs gedient. Ich wollte das eigentlich zu meinem Markenzeichen machen. E-Gitarre mit den Fingern spielen. Aber nach ein paar Proben hatte ich dann fasst keinen Fingernagel mehr am Zeigefinger! Schon eine gute Erfindung so ein Pick / Plektrum!
Die Tour startet direkt am Releasetag in Berlin. Was bedeutet dir dieser Moment, wieder mit diesen Songs auf die Bühne zu gehen?
Das ist schon echt richtig krass. Das ist dann genau zwei Jahre nachdem ich das Café aufgegeben habe und gesagt habe, die nächsten zwei Jahre nehme ich mir die Zeit nur Musik zu machen. Ich würde sagen: Mission accomplished, oder?
Wenn wir dieses Gespräch nach dem letzten Tour Termin im Juli noch einmal führen würden, woran würdest du erkennen, dass „Standing On The Moon“ genau das erreicht hat, was du dir erhofft hast?
Standing On The Moon hat jetzt schon so viel mehr erreicht als ich überhaupt jemals erwartet hatte. Ich wollte ja ursprünglich einfach nur wissen, ob ich es hinbekomme, meine Songs selbst zu produzieren und aufzunehmen. Sowohl technisch als auch vom Kopf her. Dass das überhaupt irgendjemand zu hören bekommt war ja nicht Teil des Plans. Dass dann so viele Leute in meinem Umfeld darauf angesprungen und mit eingestiegen sind und es jetzt eine physikalische Form plus Liveband plus Tour gibt, ist schon unglaublich surreal für mich. Wenn dann jetzt noch ein paar Leute sich das anhören und zum Konzert kommen, dann ist das quasi „living the dream“.
Liebe Hannah, liebe Port Noo, vielen Dank für eure Zeit und die offenen Einblicke in die Arbeit rund um „Standing On The Moon“. Es ist immer spannend, wenn Musik nicht nur veröffentlicht, sondern wirklich mit Haltung erzählt wird. Genau das spürt man bei dieser EP sehr deutlich. Wir wünschen euch für den Release am 05. Juni eine starke Resonanz, viele offene Ohren und vor allem eine Tour mit besonderen Momenten, vollen Räumen und guten Begegnungen. Für die kommenden Konzerte und alles, was danach kommt, nur das Beste. Vielen Dank und bis bald.
Interview by CK
Bild: Port Noo © Roman Hagenbrock

