
Andreas Gabalier in Frankfurt: Die Festhalle wird zur Hütte
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Dirndl, Lederhosen und rot-weiß karierte Hemden mitten in Frankfurt. Schon beim Blick durch die Festhalle war am 12. November 2015 klar, dass an diesem Abend keine gewöhnliche Popshow bevorstand. 11.500 Fans hatten die traditionsreiche Halle ausverkauft und verwandelten sie für einige Stunden in eine riesige Hütte, irgendwo zwischen Rockkonzert, Volksfest und ausgelassener Party. Mittendrin Andreas Gabalier, Lederhose, ärmelloses Shirt, Gitarre und ein Mikrofonständer mit Hirschgeweih. Viel deutlicher kann ein Künstler seine eigene Welt kaum auf eine Bühne stellen.
Der damals 30-jährige Steirer hatte sich zu diesem Zeitpunkt längst aus der volkstümlichen Nische herausgespielt. Die Hallentour führte ihn durch 14 große deutsche Arenen und Hallen, Frankfurt war der vorletzte Deutschlandtermin vor dem Abschluss am folgenden Abend in München. Dabei musste Gabalier gar nicht lange erklären, warum diese Hallen voll waren. Die Antwort kam von den Rängen und aus dem Innenraum. Sobald ein bekannter Refrain einsetzte, sang die Festhalle zurück. Laut.
BLUMA eröffnen den Abend vor 11.500 Fans
Den Auftakt der Arena-Tour übernahm die sechsköpfige Formation BLUMA, die Gabalier als Support begleitete. Ihr deutschsprachiger Rock-Pop passte besser zu diesem Abend, als ein beliebiger Schlager-Opener es getan hätte. Keine halbe Ewigkeit, kein unnötiges Strecken. Ein kompakter Einstieg, danach wurde die Bühne für den Mann vorbereitet, auf den der Großteil der Festhalle ohnehin wartete.
Als Gabalier schließlich loslegte, gab es kaum noch Zurückhaltung. Die ersten Reihen gingen sofort mit, auf den Rängen wurde geklatscht und immer wieder tauchten österreichische Fahnen zwischen den Zuschauern auf. Gabalier spielte mit diesem Bild, grüßte seine „Madln“, ließ die Hüften kreisen und arbeitete die Bühne mit einer Energie ab, die deutlich näher an Rock’n’Roll als an klassischer Volksmusik lag.
„Mountain Man“ trifft auf die großen Gabalier-Hits
Musikalisch stand der Abend mitten in der „Mountain Man“-Phase. Das gleichnamige Album war am 15. Mai 2015 erschienen und direkt auf Platz eins der deutschen Albumcharts eingestiegen. Mit „Mountain Man“, „Verliebt verliebt“, „A Meinung haben“, „Das kleine Haus“ und dem damals noch jungen „Hulapalu“ hatte Gabalier reichlich neues Material dabei, das seine Mischung aus steirischer Mundart, Rockgitarren, Harmonika und modernen Beats weiter zuspitzte.
Gerade „Hulapalu“ zeigte, wohin sich dieser Sound bewegte. Elektronischer Beat, Jodler, ein Refrain, der praktisch dafür gebaut war, in einer vollen Halle gebrüllt zu werden. Daneben standen die Songs, die seine Karriere bereits geprägt hatten. „I sing a Liad für di“, „Sweet Little Rehlein“, „Bergbauernbuam“ und „Verliebt verliebt“ sind für den Frankfurter Abend dokumentiert. Da brauchte niemand erst auf den Textbildschirm zu schauen. Die Festhalle kannte diese Lieder.
Zwischen Rock’n’Roll und steirischer Hüttengaudi
Gabalier spielte diese Gegensätze konsequent aus. Eben noch kräftige Gitarren, dann wieder Harmonika und Dialekt. Dazu die typische Tolle, Sonnenbrille und dieser bewusst körperliche Auftritt, bei dem das Publikum regelmäßig angefeuert wurde. Das konnte man mögen oder für überdreht halten. Unentschlossen war daran nichts.
Und genau deshalb funktionierte der Abend. Gabalier versuchte nicht, seine Herkunft für die große Bühne glattzubügeln. Im Gegenteil. Je größer die Festhalle wurde, desto mehr Lederhose, Hirschgeweih und Steiermark brachte er hinein. Die Inszenierung war längst Teil des Erfolgs, doch dahinter stand eine Band, die ordentlich Druck machte und aus vielen Nummern live deutlich rockigere Stücke formte.
Das Publikum spielte mit. Frauen im Dirndl tanzten neben Männern in Lederhose, andere kamen ganz normal in Jeans und T-Shirt. Spätestens bei den großen Refrains spielte die Kleiderfrage sowieso keine Rolle mehr. Die Halle hüpfte.
„I sing a Liad für di“ wird zum Massenchor
Bei „I sing a Liad für di“ war die Grenze zwischen Bühne und Publikum praktisch aufgehoben. Der Song gehörte bereits seit Jahren zu Gabaliers größten Erfolgen, und 11.500 Stimmen machten daraus in Frankfurt einen gewaltigen Chor. Kaum war die Melodie da, ging der Rest fast von allein.
Auch „Bergbauernbuam“ und „Sweet Little Rehlein“ trafen genau diesen Nerv. Gabalier musste nur einzelne Zeilen anstoßen, der Saal erledigte den Rest. Dabei blieb er ständig in Bewegung, griff zur Gitarre, ging nach vorne und ließ das Publikum immer wieder übernehmen. Ein Konzert zum stillen Zuhören war das definitiv nicht.
„Amoi seg’ ma uns wieder“ verändert die Stimmung
Und dann wurde es still.
„Amoi seg’ ma uns wieder“ steht wie kaum ein anderer Song für die andere Seite von Andreas Gabalier. Die Ballade über Abschied und Verlust entwickelte sich an diesem Abend zum emotionalen Gegenpol zur ausgelassenen Hüttengaudi. Wo vorher noch getanzt und gegrölt wurde, hörten plötzlich Tausende konzentriert zu. Manche hielten ihre Handys hoch, andere standen einfach da. Die Frankfurter Konzertberichte beschreiben genau diesen Moment als gefühlvollen Abschluss des Abends.
Dieser Wechsel funktionierte deshalb so stark, weil vorher beinahe alles auf Party gestellt war. Gabalier konnte innerhalb kurzer Zeit von „Hulapalu“-Mentalität zu einer Ballade wechseln, bei der die Festhalle merklich herunterfuhr. Kein künstlicher Pathos nötig. Der Song trug sich selbst.
11.500 Menschen hatten zuvor gesungen, getanzt und Frankfurt für einen Abend ziemlich weit Richtung Alpen verschoben. Jetzt wurde es noch einmal ruhig. Dann gingen die Lichter an.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures














