Tom Araya und Slayer am 16. November 2015 während der Repentless Tour in der Jahrhunderthalle Frankfurt

Slayer in Frankfurt: Thrash Metal ohne Kompromisse

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Blau. Weiß. Rot. Noch bevor Slayer in Frankfurt einen einzigen Ton gespielt hatten, lag über der Jahrhunderthalle eine Stimmung, die sich von einem gewöhnlichen Metalabend unterschied. Nur drei Tage waren seit den Terroranschlägen von Paris vergangen. Während der Umbaupause wurde der große Bühnenvorhang in den Farben Frankreichs beleuchtet. Dann dröhnte AC/DCs „Thunderstruck“ aus den Boxen, aus dem Innenraum kamen die ersten Slayer-Rufe und hinter dem Vorhang drehten sich leuchtende Kreuze langsam auf den Kopf. Als schließlich „Delusions of Saviour“ einsetzte und der Vorhang fiel, gab es kein vorsichtiges Herantasten mehr. „Repentless“ traf die fast ausverkaufte Jahrhunderthalle mit voller Wucht.

Der 16. November 2015 war der letzte von sechs Deutschlandterminen dieser Tourrunde. Und das Paket hatte es in sich: Kvelertak, Anthrax und Slayer an einem Abend. Zwei Generationen Thrash Metal trafen auf eine norwegische Band, die Hardcore Punk, Black Metal und Rock’n’Roll zusammenwarf. Mehr als vier Stunden dauerte das gesamte Programm. Danach dürfte kaum jemand die Jahrhunderthalle mit unbeschädigtem Gehör verlassen haben.

Kvelertak starten ohne Rücksicht auf Verluste

Den Anfang machten Kvelertak. Sechs Musiker, drei Gitarren und Erlend Hjelvik am Mikrofon. Die Norweger waren mit ihrem zweiten Album „Meir“ unterwegs und lieferten einen Sound, der sich nur schwer sauber in eine Schublade packen ließ. Black-Metal-Raserei traf auf Hardcore, Punk und dreckigen Rock’n’Roll. Das war roh, schnell und deutlich weniger klassischer Thrash als das, was später folgen sollte.

Die Halle füllte sich während des Sets weiter, vor der Bühne wurde es zunehmend enger. Kvelertak hatten dabei die undankbare Aufgabe, vor zwei Bands aufzutreten, deren Namen seit den Achtzigern fest in der Metalgeschichte stehen. An Energie mangelte es nicht. Viel Zeit blieb ohnehin nicht. Umbau, Lichtwechsel, dann stand bereits das Anthrax-Logo über der Bühne.

Anthrax verwandeln Frankfurt in einen Moshpit

Black Sabbaths „The Mob Rules“ lief als Intro vom Band. Noch bevor Anthrax richtig losgelegt hatten, kamen aus dem Publikum die ersten Sprechchöre. Sänger Joey Belladonna nahm die Vorlage dankbar auf, Scott Ian bearbeitete seine Gitarre und forderte irgendwann sogar die Besucher auf den Sitzplätzen zum Aufstehen auf. Vor der Bühne war diese Aufforderung längst überflüssig. Dort entwickelte sich ein Moshpit, der mit jedem Song größer wurde.

Anthrax wirkten wie die perfekte Verbindung zwischen Kvelertaks kontrolliertem Chaos und dem, was Slayer noch vorhatten. Belladonna arbeitete ständig mit dem Publikum, Scott Ian war mit seinem markanten Bart und den mächtigen Riffs ohnehin kaum zu übersehen. Am Ende erinnerte die Band musikalisch an Ronnie James Dio und „Dimebag“ Darrell Abbott, bevor Rainbows „Long Live Rock’n’Roll“ aus der Konserve den Abschied begleitete. Ein Support-Auftritt war das auf dem Papier. In der Jahrhunderthalle fühlte es sich längst wie ein zweites Hauptkonzert an.

„Repentless“ eröffnet 90 Minuten Vollgas

Dann Slayer.

Tom Araya am Bass und Mikrofon, Kerry King an der Gitarre, Gary Holt auf der zweiten Gitarrenposition und Paul Bostaph hinter dem Schlagzeug. „Repentless“ war das erste Slayer-Album nach dem Tod von Gründungsmitglied Jeff Hanneman im Jahr 2013 und zugleich das erste Studioalbum der neuen Phase mit Bostaph wieder am Schlagzeug. Statt die Veränderungen zu kaschieren, ging die Band mit dem neuen Material frontal nach vorne.

Auf den Titelsong folgte direkt „Postmortem“, anschließend „Hate Worldwide“ und „Disciple“. Vier Songs, kaum Luft dazwischen. Besonders Paul Bostaphs Doublebass und die Gitarren von King und Holt kamen in der Jahrhunderthalle mit enormem Druck an. Dazu Arayas Stimme, die über dem kontrollierten Lärm lag und immer wieder nur kurze Ansagen zwischen die Songs setzte.

Eine dieser Ansagen hatte historischen Charme: Araya stellte fest, dass Slayer an diesem Abend tatsächlich zum ersten Mal innerhalb des Frankfurter Stadtgebiets spielten. Nach mehr als drei Jahrzehnten Bandgeschichte. Lange gefeiert wurde diese Premiere allerdings nicht. Der nächste Riffblock wartete schon.

„War Ensemble“ und „Chemical Warfare“ lassen keine Pause

„God Send Death“, „War Ensemble“, „When the Stillness Comes“ und „Vices“ hielten das Tempo hoch. Danach folgte mit „Mandatory Suicide“ einer jener Slayer-Klassiker, bei denen die ersten Sekunden ausreichten, um neue Bewegung in den Innenraum zu bringen. „Chemical Warfare“ setzte direkt nach. Köpfe gingen nach vorne, Haare flogen, im Moshpit wurde längst nicht mehr diskutiert.

Die Setlist sprang dabei konsequent zwischen dem aktuellen „Repentless“-Material und den frühen Jahren. „Die by the Sword“ und „Black Magic“ führten bis zurück zum Debütalbum „Show No Mercy“, während „Hallowed Point“ und „Seasons in the Abyss“ eine andere Phase der Bandgeschichte öffneten. Nostalgie entstand trotzdem kaum. Slayer spielten diese Stücke nicht wie Museumsstücke. Sie schlugen sie dem Publikum entgegen.

Auch optisch war die Produktion überraschend vielseitig. Statt ausschließlich Rot, Schwarz und finsteren Schatten setzte die Tour auf eine breite Farbpalette. Lichtkegel schossen durch den Bühnennebel, Silhouetten von King und Holt zeichneten sich vor den Projektionen ab, während Bostaph dahinter praktisch ohne Pause arbeitete. Viel Bewegung brauchte die Band selbst nicht. Die Riffs erledigten das.

Vier Songs lassen Frankfurt endgültig eskalieren

Für die letzten Minuten packten Slayer eine Kombination aus, gegen die kaum noch etwas anzurichten war. Erst „South of Heaven“. Dieses langsame, bedrohliche Gitarrenmotiv zog durch die Halle, bevor das Tempo wieder anzog.

Dann „Raining Blood“.

Sekunden später war der Innenraum erneut in Bewegung. Kaum ein Song steht so unmittelbar für Slayer wie dieser Angriff vom Album „Reign in Blood“. Kein langes Intro, keine Showansage. Gitarren. Schlagzeug. Vollgas.

Und noch immer war nicht Schluss.

Mit „Angel of Death“ beendeten Slayer nach rund 90 Minuten ihr Set. Keine klassische Zugabe, kein künstliches Verschwinden und Zurückkommen. Nach insgesamt 20 Songs war alles gesagt. Die komplette Schlussphase aus „World Painted Blood“, „South of Heaven“, „Raining Blood“ und „Angel of Death“ wirkte ohnehin wie eine einzige Zugabe ohne Pause.

Danach kam ausgerechnet Louis Armstrongs „What a Wonderful World“ aus den Lautsprechern.

Nach vier Stunden mit Kvelertak, Anthrax und Slayer konnte ein größerer musikalischer Kontrast kaum noch kommen.

Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures

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