
Bruce Dickinson in Köln: Ein Metal-Abend ohne Kompromisse
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Draußen zeigt das Thermometer rund 30 Grad, gleichzeitig läuft das EM-Halbfinale zwischen Spanien und Frankreich. Im Palladium Köln interessiert das an diesem Dienstagabend trotzdem erstaunlich wenige. Hier wartet man auf einen anderen Engländer. Als Bruce Dickinson am 9. Juli 2024 gegen 21 Uhr mit seiner Band auf die Bühne kommt, explodiert die Stimmung förmlich. Die Show war wegen der hohen Nachfrage zuvor vom E-Werk ins größere Palladium verlegt worden.
Und Dickinson macht von der ersten Minute an klar, dass dies kein gemütlicher Nebenjob des Iron-Maiden-Sängers ist. Beanie, Jeansweste, Mikrofon in der Hand. Dann geht es los.
Dominum bringen Zombie-Metal ins Palladium
Bevor Dickinson übernimmt, wird es zunächst düster.
Dominum eröffnen den Abend mit Masken, Horror-Optik und ihrem selbstbewusst inszenierten Zombie-Metal. Frontmann Dr. Dead führt die Nürnberger Band durch einen kompakten Sieben-Song-Auftritt, der direkt mit „Immortalis Dominum“ beginnt. Danach folgen „Danger Danger“ und „Half Alive“.
Die Reaktionen im Palladium sind durchaus geteilt, langweilig ist der Auftritt aber sicher nicht. Dominum setzen auf große Gesten, eingängige Hooks und eine Optik, die irgendwo zwischen Horrorfilm und Power Metal liegt. Mit einer Version des Scorpions-Klassikers „Rock You Like a Hurricane“ bekommen sie auch jene Besucher, die die eigenen Songs noch nicht kennen. „We All Taste the Same“ und „Patient Zero“ schließen das Set ab.
Umbaupause.
Jetzt wird es eng vor der Bühne.
Bruce Dickinson startet mit voller Wucht
Punkt 21 Uhr steht Bruce Dickinson dort, wo ihn seine Fans sehen wollen. Neben ihm eine bemerkenswert starke Band: Tanya O’Callaghan am Bass, Philip Näslund und Chris Declercq an den Gitarren, Dave Moreno am Schlagzeug und Mistheria an den Keyboards. Diese Besetzung war eigens für die „The Mandrake Project“-Tour zusammengestellt worden.
„Accident of Birth“. Keine Aufwärmrunde.
Direkt danach „Abduction“ und „Laughing in the Hiding Bush“. Dickinson rennt über die Bühne, feuert die Musiker an, geht an den Bühnenrand und singt mit einer Kraft, die jeden Gedanken daran vertreibt, dass hier ein Sänger steht, der wenige Wochen später seinen 66. Geburtstag feiern wird.
Das Palladium antwortet entsprechend.
Bei den ersten Reihen gehen die Fäuste hoch, weiter hinten werden die Refrains mitgebrüllt. Bassistin Tanya O’Callaghan steht Dickinson in Sachen Bühnenpräsenz kaum nach, während die beiden Gitarren permanent Druck machen. Das Ganze klingt nicht nach einer zusammengewürfelten Begleitband. Eher nach einer Einheit, die diese Songs unbedingt spielen will.
The Mandrake Project trifft auf Dickinsons Soloklassiker
Der Tourname könnte vermuten lassen, dass das aktuelle Album den Abend komplett dominiert. Tut es nicht.
„The Mandrake Project“ war erst am 1. März 2024 erschienen und hatte Platz eins der deutschen Albumcharts erreicht. Es war Dickinsons erstes Soloalbum seit „Tyranny of Souls“ von 2005. Im Palladium stehen davon allerdings nur drei Songs im Set: „Afterglow of Ragnarok“, „Resurrection Men“ und „Rain on the Graves“.
Der Blick geht stattdessen weit zurück durch seine Solokarriere.
„Jerusalem“ nimmt erstmals etwas Tempo heraus, bevor „Chemical Wedding“ wieder schwer und dunkel in die Halle drückt. Besonders dieser Abschnitt zeigt, wie stark Dickinsons Solomaterial auch Jahrzehnte später funktioniert. Fünf Stücke des Abends stammen aus der Ära rund um „The Chemical Wedding“.
Zwischen den Songs redet Dickinson viel. Mal erklärt er Hintergründe, mal provoziert er ein bisschen. Für einen Scherz über das deutsche EM-Aus gibt es prompt einige Buhrufe. Köln kann Fußball eben nicht vollständig ignorieren. Auch das lokale Bier bekommt bei einer seiner Ansagen sein Fett weg.
Dickinson grinst.
Weiter.
Tears of the Dragon wird zum großen Moment
Dann diese ersten Töne.
„Tears of the Dragon“ gehört zu den Songs, auf die viele gewartet haben. Dickinson hatte das Stück bei kürzeren Festivalshows teilweise auslassen müssen. Im Palladium gibt es dieses Problem nicht. Hier hat die Band fast zwei Stunden Zeit.
Die Stimmung verändert sich sofort. Gerade noch wuchtiger Metal, jetzt stehen viele einfach da und hören zu. Wenig später singen die Stimmen vor der Bühne wieder mit.
„Resurrection Men“ und „Rain on the Graves“ holen das aktuelle Album zurück ins Set. Dann erlaubt sich die Band mit „Frankenstein“ von The Edgar Winter Group einen instrumentalen Ausflug, bevor „The Alchemist“ und das mächtige „Darkside of Aquarius“ den Blick wieder tief in Dickinsons Solokatalog richten.
Keine Iron-Maiden-Hits.
Braucht an diesem Abend auch niemand.
Zwei Stunden Bruce Dickinson ohne Maiden-Sicherheitsnetz
„Navigate the Seas of the Sun“ bringt noch einmal einen ruhigeren, beinahe schwebenden Moment. Danach zieht die Band mit „Book of Thel“ wieder kräftig an.
Es ist inzwischen heiß im Palladium. Die Band spielt seit weit über einer Stunde, Dickinson läuft trotzdem noch immer über die Bühne, als hätte der Abend gerade erst begonnen.
Mit „The Tower“ kommt schließlich der letzte Song. Dickinson stellt seine Musiker vor, jeder bekommt seinen Moment und entsprechend Applaus. Insgesamt stehen am Ende 16 Stücke und fast zwei Stunden Spielzeit.
Dass dieser Mann seit Jahrzehnten als Stimme von Iron Maiden auf den größten Bühnen der Welt steht, ist im Palladium natürlich ständig im Hinterkopf.
Aber genau das ist das Spannende an diesem Abend: Es interessiert irgendwann kaum noch.
Hier steht Bruce Dickinson. Solokünstler. Mit einer verdammt guten Band.
Und das reicht.
Setlist von Bruce Dickinson in Köln
- Accident of Birth
- Abduction
- Laughing in the Hiding Bush
- Faith
- Afterglow of Ragnarok
- Jerusalem
- Chemical Wedding
- Tears of the Dragon
- Resurrection Men
- Rain on the Graves
- Frankenstein – The Edgar Winter Group Cover
- The Alchemist
- Darkside of Aquarius
- Navigate the Seas of the Sun
- Book of Thel
- The Tower
Text & Foto © Jan Heesch














