
Bülent Ceylan im Mannheimer Schloss: Haardrock im Gewitter
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Über dem Ehrenhof zuckten Blitze, der Regen wurde stärker und irgendwann stand selbst Bülent Ceylan im Plastikponcho auf der Bühne. Normal war an diesem Sonntagabend ohnehin wenig. 10.000 Menschen waren am 27. Juli 2014 zum dritten und letzten „Haardrock“-Open-Air ins Mannheimer Schloss gekommen, und ausgerechnet diese Show entwickelte sich wegen des Wetters zu einem Abend, den man so kaum hätte planen können. Bülent nahm das Chaos an, improvisierte, lachte selbst über die Situation und machte aus einem drohenden Stimmungskiller einen Teil seines Programms.
Das Ganze war ein echtes Mannheimer Heimspiel. Drei Abende hintereinander füllte Ceylan den Ehrenhof mit jeweils rund 10.000 Zuschauern, insgesamt also etwa 30.000 Fans. RTL zeichnete die Shows für Fernsehen und DVD auf, vor der barocken Schlossfassade stand dafür eine große Produktion mit Projektionsflächen, Pyrotechnik und Tribünen. Fast 4.000 Plätze befanden sich auf einer eigens errichteten Tribüne, weitere rund 6.000 Stühle standen im Ehrenhof.
Ein Heimspiel, das lange vor Bülent beginnt
Wer früh im Schloss war, bekam an diesem 27. Juli deutlich mehr als nur ein kurzes Vorprogramm serviert. Thoughts Factory eröffneten den Tag mit Progressive Rock, dazu kamen die Berliner Comedienne Idil Baydar, Feuer- und Extremkünstler Yasin Dündar sowie das Mannheimer Rap-Duo Cossu. Thoughts Factory waren von Bülent sogar gezielt für alle drei DVD-Aufzeichnungen engagiert worden. Das passte zum Konzept: Comedyabend war fast zu wenig gesagt, denn im Ehrenhof trafen Rock, Rap, Artistik und Stand-up aufeinander.
Und dann kam Bülent. Dudelsackklänge, Rocksound, ein rot karierter Kilt, Pyrotechnik und natürlich die langen Haare. Innerhalb weniger Sekunden stand der Ehrenhof. Genau diese Mischung aus Metal-Fan, Comedian und Mannheimer Lokalpatriot trug „Haardrock“: Die Produktion durfte groß sein, trotzdem suchte Ceylan immer wieder den direkten Kontakt zu den Leuten vor ihm. Seine Figuren gehörten dazu, aber stärker als früher stand Bülent selbst im Mittelpunkt.
Harald, Hasan und Anneliese vor 10.000 Mannheimern
Natürlich ließ er seine bekannten Figuren nicht zu Hause. Harald, Hasan, Anneliese und Mompfred wechselten sich mit Stand-up-Passagen ab, immer wieder gespickt mit Mannheim, Dialekt und spontanen Reaktionen aus dem Publikum. Gerade im eigenen Wohnzimmer funktionierte das besonders gut. Ein Seitenhieb Richtung Ludwigshafen brauchte kaum Anlauf, und bei Harald musste Bülent einem Mannheimer Publikum sowieso nicht lange erklären, aus welcher Welt diese Figur stammt.
Vor der Kamera war das ständig in Bewegung. Eben noch Bülent selbst, dann veränderten Körperhaltung, Gesicht und Stimme innerhalb weniger Sekunden die komplette Figur. Das große Bühnenbild mit den Projektionsflächen sorgte zwar dafür, dass auch die hintersten Reihen jede Grimasse verfolgen konnten, doch vorne war diese Verwandlung unmittelbar. Und obwohl rund 10.000 Menschen im Ehrenhof saßen, wirkte manches erstaunlich nah.
Das Gewitter wird Teil von „Haardrock“
Dann änderte sich der Abend. Donner. Blitze. Regen. Erst wurden Ponchos verteilt, schließlich musste die Show kurz unterbrochen werden. Bülent bekam ebenfalls einen übergezogen und machte genau daraus neues Material. Aus dem ungeplanten Regenschutz wurde spontan der „Ponchotürk“, später „Supertürk“. Selbst als Annelieses übliche Haarbewegungen im strömenden Regen nicht mehr richtig funktionierten, brach Ceylan aus seiner Rolle aus und musste selbst lachen.
Das Publikum blieb. Genau das machte den Moment stark. Tausende saßen unter ihren Regenponchos im Ehrenhof, während Bülent ohne schützendes Bühnendach ebenfalls nass wurde und immer weiter improvisierte. Dazu kam später noch ein defektes Mikrofon. Ein normaler Tourabend hätte an solchen Stellen auseinanderfallen können. Dieser wurde dadurch erst recht besonders.
Als Bülent schließlich die Rockballade „Nichts Besonderes“ anstimmte, Hände nach oben gingen und der Schlosshof in rotes Licht getaucht wurde, hatte der Regen die Show längst nicht mehr im Griff. Eher umgekehrt. Aus schlechtem Wetter war eine gemeinsame Geschichte zwischen Bühne und Publikum geworden.
Haardrock zwischen Comedy, Metal und klarer Haltung
„Haardrock“ zeigte ohnehin, wie stark Ceylan seine Leidenschaft für Rock und Metal inzwischen in seine Comedy eingebaut hatte. Wenige Tage nach Mannheim sollte er beim Wacken Open Air auftreten. Pyrotechnik, harte Musik und Headbanging wirkten bei ihm deshalb nicht wie aufgesetzte Dekoration für einen Comedian, sondern gehörten längst zu seiner eigenen Bühnenfigur.
Zum Ende wurde es noch einmal laut. Ceylan verband einen harten musikalischen Part mit einer klaren Botschaft gegen Rechtsextremismus, danach explodierte über der Kulisse des Mannheimer Schlosses das große Abschlussfeuerwerk. Die 10.000 Menschen standen. Minutenlanger Applaus. Drei Abende, rund 30.000 Besucher und mittendrin dieser völlig verregnete letzte Sonntag, an dem vieles anders lief als geplant.
Genau dieser Abend blieb hängen. Nicht trotz Regen und Gewitter.
Wegen ihnen.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures













