Circus Roncalli live beim CARStival auf dem Maimarktgelände Mannheim 2020

Circus Roncalli in Mannheim: Manege frei zwischen Autos und Regen

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Für einen Zirkusabend braucht es eigentlich eine Manege, ein Chapiteau und dieses ganz besondere Gefühl, wenn das Licht im Zelt langsam dunkler wird. Am 28. Juni 2020 fehlte auf dem Mannheimer Maimarktgelände einiges davon. Statt roter Samtsitze standen rund 600 Autos vor der Bühne, über Mannheim zogen dunkle Wolken und irgendwann kam der Regen. Der Circus Roncalli beim CARStival Mannheim ließ sich davon allerdings nur wenig beeindrucken. Rund 90 Minuten lang wurde aus dem Parkplatz eine ungewöhnliche Open-Air-Manege.

Die Vorstellung begann um 20 Uhr. Das Gelände war grundsätzlich für bis zu 850 Fahrzeuge ausgelegt. Roncalli hatte für diese außergewöhnliche Saison eine eigene Drive-In-Show entwickelt, nachdem reguläre Gastspiele aufgrund der Corona-Pandemie nicht wie geplant stattfinden konnten.

Und dann saß man tatsächlich im Auto und wartete auf Zirkus.

Roncalli braucht kein Chapiteau für seine Atmosphäre

Zu Beginn spielte das Wetter noch mit. Etwas Abendsonne über dem Maimarktgelände, die Bühne vor den Autos und überall erwartungsvolle Gesichter hinter den Scheiben. Für Familien war allein diese Kulisse schon ungewöhnlich genug.

Roncalli machte daraus keinen halbherzigen Ersatz für eine normale Vorstellung. Die Bühne war farbenfroh gestaltet, eine große Videofläche half den Besuchern weiter hinten, und selbst auf Live-Musik wurde nicht verzichtet. Das Orchester gehörte auch bei dieser Drive-In-Version zum Konzept.

Das war wichtig. Circus Roncalli lebt nicht allein von einzelnen artistischen Höchstleistungen. Musik, Kostüme, Licht, kleine Szenen dazwischen und diese etwas nostalgische Bildsprache gehören zusammen.

Nur die Loge sah an diesem Abend eben verdächtig nach Fahrersitz aus.

Akrobatik unter freiem Himmel

Für die Artisten war der Auftritt wesentlich mehr als eine veränderte Zuschauerordnung. Viele Nummern, die normalerweise in einem geschützten Zelt stattfinden, mussten plötzlich unter freiem Himmel funktionieren.

Zu den angekündigten Höhepunkten gehörte beispielsweise die Luftnummer von Vivi und Natalya, den „Queens of Barock“. Für ihre Darbietung wurde auf dem Gelände eigens mit einem großen Kran gearbeitet.

Gerade bei solchen Momenten merkte man, wie viel Aufwand hinter diesem einzelnen Abend steckte. Die Besucher sahen vorne eine elegante artistische Nummer. Dahinter standen Technik, Sicherheitsplanung und die Frage, ob das Wetter überhaupt mitspielen würde.

Irgendwann tat es das nicht mehr.

Der Regen kam.

Dann wird aus Roncalli plötzlich eine Regenshow

Was bei einem Konzert bereits unangenehm ist, wird bei Artistik schnell zu einem echten Problem. Flächen werden nass, Requisiten müssen kontrolliert werden und jede Bewegung verlangt noch mehr Konzentration.

Die Roncalli-Crew zog die Vorstellung trotzdem durch. Zeitgenössische Berichte hielten fest, dass das Ensemble trotz anhaltender Witterung weiterspielte.

Für das Publikum hatte der Regen dagegen einen unerwarteten Vorteil: Die meisten saßen trocken.

Scheibenwischer an, Autoradio etwas lauter und weiter ging es.

Das hatte mit einem klassischen Roncalli-Besuch kaum noch etwas zu tun und passte gleichzeitig perfekt zu diesem verrückten Veranstaltungssommer. Vorne kämpften Artisten gegen nasse Bedingungen, hinten saßen Familien im Auto und schauten durch eine regennasse Windschutzscheibe auf die Manege.

So etwas vergisst man nicht so schnell.

Clownerie funktioniert sogar durch die Autoscheibe

Nicht jede Nummer brauchte große Höhe oder spektakuläre Technik. Gerade die leiseren Momente zeigten, dass Zirkus auch unter diesen Bedingungen funktionieren konnte.

Clownerie lebt normalerweise stark vom direkten Kontakt mit dem Publikum. Ein Gesicht, eine Reaktion aus der ersten Reihe, ein spontaner Moment. Im Drive-In waren diese Rückmeldungen wesentlich schwerer zu bekommen.

Also mussten andere Zeichen her.

Beim CARStival hatte sich längst eine eigene Form des Applauses entwickelt. Scheinwerfer blinkten auf, Warnblinker wurden eingeschaltet und manchmal meldete sich auch eine Hupe. Bei einem Rockkonzert war das schon ungewöhnlich. Nach einer poetischen Zirkusnummer wirkte ein ganzer Parkplatz voller blinkender Autos noch ein bisschen skurriler.

Aber jeder wusste, was gemeint war.

Circus Roncalli in Mannheim wird zum Zeitdokument

Roncallis Drive-In-Show war eine direkte Antwort auf das Veranstaltungsjahr 2020. Das Unternehmen hatte damals mehrere reguläre Gastspiele verschieben müssen und entwickelte deshalb ein Format, bei dem die Zuschauer in ihren Fahrzeugen bleiben konnten. Mannheim gehörte zu den Stationen dieses ungewöhnlichen Konzepts.

Rückblickend ist gerade deshalb nicht entscheidend, ob dieser Abend einen normalen Zirkusbesuch ersetzen konnte.

Konnte er nicht.

Das Rascheln im Zelt fehlte, die unmittelbare Nähe zur Manege ebenso. Dafür entstand etwas, das es vorher in dieser Form praktisch nicht gegeben hatte. Internationale Artistik unter freiem Himmel, Live-Musik vor hunderten Autos und ein Publikum, das selbst bei Regen blieb.

Nach rund 90 Minuten war Schluss. Die Scheibenwischer arbeiteten noch immer, auf der Bühne verbeugte sich das Ensemble und zwischen den Fahrzeugreihen gingen wieder die Lichter an.

Manege frei hatte an diesem Sonntagabend einfach eine etwas andere Bedeutung.

Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures
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