Clawfinger bei ihrem energiegeladenen Crossover-Konzert am 17. Oktober 2019 im Schlachthof Wiesbaden

Clawfinger bringen den Schlachthof Wiesbaden zum Schwitzen

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Ruhestand? Ganz sicher nicht. Als Clawfinger am 17. Oktober 2019 den Schlachthof Wiesbaden betraten, brauchte die schwedisch-norwegische Crossover-Band nicht lange, um klarzustellen, dass ein paar Jahrzehnte Bandgeschichte bei ihnen offenbar eher als zusätzliche Motivation durchgehen. Die Gitarren drückten, die Beats hämmerten und vor der Bühne kam ziemlich schnell Bewegung in die Sache.

Clawfinger waren zurück. Laut und direkt.

Clawfinger liefern Crossover ohne Alterserscheinungen

Seit den frühen 90er-Jahren gehören Clawfinger zu den europäischen Bands, die Metal, Rap und elektronische Elemente miteinander verbinden. Lange bevor Begriffe wie Nu Metal zum großen Etikett wurden, kombinierte die Band harte Gitarrenriffs mit Sprechgesang und Samples.

Im Schlachthof Wiesbaden klang das keineswegs nach einer musikalischen Zeitreise, die ausschließlich von Nostalgie lebt.

Die Band spielte mit ordentlich Druck.

Frontmann Zak Tell hielt sich nicht lange mit vorsichtigem Abtasten auf. Er suchte den Kontakt zum Publikum, feuerte die Menge an und machte deutlich, dass Clawfinger ihre Songs noch immer mit derselben direkten Haltung auf die Bühne bringen wollen.

Und Wiesbaden hatte offensichtlich Lust darauf.

Harte Gitarren treffen auf Rap und Industrial-Sound

Musikalisch funktioniert Clawfinger bis heute über Gegensätze.

Schwere Gitarren treffen auf elektronische Samples, Metal auf Rap und aggressive Passagen auf Grooves, bei denen vor der Bühne kaum jemand ruhig stehen möchte. Gerade live entwickelt diese Mischung eine Wucht, die auf Platte nur bedingt einzufangen ist.

Im Schlachthof funktionierte sie bestens.

Mit zunehmender Spielzeit wurde es vor der Bühne enger und vor allem wärmer. Es wurde gesprungen, gebangt und mitgebrüllt. Wer an diesem Abend mit einem trockenen Shirt nach Hause gehen wollte, hatte sich vermutlich den falschen Platz ausgesucht.

„Nigger“ und „Do What I Say“ gehören zur Bandgeschichte

Clawfinger haben sich bereits früh mit Songs einen Namen gemacht, die gesellschaftliche und politische Themen sehr direkt ansprechen. Ihr 1993 veröffentlichtes Debütalbum „Deaf Dumb Blind“ brachte der Band internationale Aufmerksamkeit und machte ihren kompromisslosen Crossover-Sound einem größeren Publikum bekannt.

Zu den bekanntesten Stücken ihrer Karriere gehören „Nigger“, dessen Titel und Text Rassismus thematisieren, sowie „Do What I Say“. Songs wie diese stehen exemplarisch für eine Band, die nie besonders viel Interesse daran hatte, ihre Aussagen hübsch zu verpacken.

Auch musikalisch gilt dieses Prinzip.

Ein Riff muss drücken. Ein Beat muss sitzen.

Dann geht es weiter.

Der Schlachthof wird zum verschwitzten Crossover-Club

Genau diese Direktheit passte zum Schlachthof Wiesbaden. Statt Distanz zwischen Musikern und Fans entwickelte sich schnell jene Clubatmosphäre, von der solche Konzerte leben.

Clawfinger spielten nicht einfach ihre Songs herunter. Die Band wirkte wach, hatte sichtbar Spaß an der Sache und bekam die entsprechende Reaktion zurück.

Vor allem wurde deutlich, dass ihre Musik auch Jahre nach dem großen Crossover-Boom funktioniert.

Natürlich schwingt bei einem Clawfinger-Konzert für viele Fans eine ordentliche Portion Erinnerung mit. Wer die Band bereits in den 90ern gehört hat, verbindet ihre Songs vermutlich mit einer Zeit, in der Crossover, Alternative Metal und später Nu Metal plötzlich überall auftauchten.

Aber nur Nostalgie hätte diesen Abend nicht getragen.

Clawfinger haben noch lange nicht genug

Wer Clawfinger 2019 im Schlachthof erlebte, musste jedenfalls keine Angst haben, einer müden Altherrenveranstaltung beizuwohnen.

Das Gegenteil war der Fall.

Zak Tell und seine Mitstreiter zeigten, dass ihre Mischung aus Metal, Rap und elektronischen Elementen live noch immer ordentlich reinhaut. Die Band brauchte dafür keine überladene Inszenierung. Verstärker an, Mikro an, los.

Nach diesem Abend war vor allem eines klar: Von Rente sollte bei Clawfinger besser noch niemand sprechen.

Text & Foto © Jan Heesch

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