
Bülent Ceylan in Mannheim: KЯONK erobert die SAP Arena
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Metal dröhnt durch die Halle, Pyrotechnik knallt und 10.000 Menschen machen schon beim ersten Auftritt klar, dass ein Heimspiel von Bülent Ceylan in Mannheim nach anderen Regeln funktioniert. Am 20. April 2016 bringt der Comedian sein damals neues Programm „KЯONK“ in die ausverkaufte SAP Arena. Nur wenige Monate zuvor hatte er die Show bei drei Vorpremieren im vergleichsweise intimen Capitol erstmals vor Publikum getestet. Jetzt ist daraus eine große Arenaproduktion geworden. Und Mannheim versteht selbst die breiteste Mundart, ohne dass irgendjemand übersetzen muss.
Der Abend ist zudem nur die erste Hälfte eines doppelten Heimspiels. Auch die zweite Vorstellung am 21. April ist mit jeweils 10.000 Besuchern restlos ausverkauft. Insgesamt kommen damit an zwei Abenden 20.000 Menschen in die SAP Arena. Für Ceylan ist die Halle längst zum zweiten Wohnzimmer geworden, nur eben mit deutlich mehr Sitzplätzen, Feuer und Lautstärke.
Die Welt ist KЯONK und Mannheim kennt die Diagnose
Der Titel gibt das Thema vor. Krank, oder auf gut Mannheimerisch eben „kronk“, sind für Ceylan nicht nur Menschen. Es sind gesellschaftliche Zustände, Vorurteile, digitale Gewohnheiten und all die kleinen Situationen, bei denen der gesunde Menschenverstand offenbar kurz Pause macht. Fremdenfeindlichkeit, fehlender Respekt und mangelnde Nächstenliebe bekommen dabei ebenso ihre Behandlung wie Fitnesswahn, Social Media oder Beziehungsprobleme.
Ceylan schafft dabei etwas, das gerade bei gesellschaftlichen Themen schnell schiefgehen kann: Er wird deutlich, ohne aus der Comedyshow einen Vortrag zu machen. Gegen Rassismus ist seine Haltung unmissverständlich. Gleichzeitig zieht er anschließend wieder durch sämtliche Nationalitäten, Klischees und Absurditäten. Niemand bekommt einen Freifahrtschein. Auch nicht die Mannheimer.
Gerade beim Heimspiel funktionieren solche Passagen besonders gut. Ein „Monnem“, ein „alla“ oder eine sauber gesetzte Waldhof-Anspielung genügen, und die Reaktion kommt sofort.
Harald und Hasan übernehmen die Behandlung
Natürlich bleibt Bülent nicht lange allein. Harald taucht auf und beschäftigt sich auf seine gewohnt feinsinnige Art mit Veganern. Feinsinnig bedeutet in seinem Fall selbstverständlich etwas anderes als im Wörterbuch. Aus Fleischessern und Veganern werden kurzerhand „Salamisten“ und „Salatisten“, und der Waldhof-Proll findet wie immer eine Lösung, nach der niemand gefragt hatte.
Danach folgt Hasan, der „anatolische Hengst“. Fitness, Muskeln und männliche Selbstüberschätzung sind sein Revier. Mit wenigen Bewegungen verändert Ceylan Haltung, Stimme und Gesicht und steht plötzlich als komplett andere Figur auf der riesigen Bühne. Genau diese schnellen Wechsel funktionieren auch in der SAP Arena, obwohl die Dimensionen mit dem Capitol kaum vergleichbar sind. Die großen Leinwände holen jede Grimasse bis auf die hintersten Plätze.
Der eigentliche Bülent kehrt zurück und widmet sich einer weiteren modernen Krankheit: Facebook. Likes, Selfies, permanente Erreichbarkeit und Menschen, die ihr digitales Leben wichtiger nehmen als das reale, liefern reichlich Material. Dass ausgerechnet ein Comedian über Social-Media-Sucht spricht und anschließend sinngemäß um Zustimmung bittet, gehört natürlich zum Witz.
Anneliese braucht in Mannheim manchmal gar keinen Text
Nach der Pause wartet eine Figur, die in Mannheim schon beim Auftauchen Applaus bekommt: Anneliese. Ein Blick. Eine Bewegung. Ein paar Sekunden Schweigen. Mehr braucht es kaum.
Gerade bei diesem Charakter zeigt sich die besondere Dynamik eines Heimspiels. Die Figur ist dem Publikum so vertraut, dass Ceylan teilweise nur reagieren muss. Anneliese pöbelt, verdreht Wörter, entdeckt die Esoterik und erklärt sich zur „esoterischen Kosmetikerin“. Die SAP Arena lacht längst, bevor die nächste eigentliche Pointe gefallen ist.
Danach wird es erheblich lauter. Mompfreed Bockenauer kommt mit Metal, Feuer und der bekannten schlechten Laune. Der Hausmeister schimpft über seine Frau Waltraut, aufgeräumte Schränke, Einkaufen, Verwandtschaft und alles, was ihm sonst gerade im Weg steht. Wo Anneliese mit Blicken arbeitet, schlägt Mompfreed verbal mit der berühmten „Bummbewasserzong“ zu.
Fein dosierte Therapie sieht anders aus.
Zwischen derben Pointen und klarer Haltung
„KЯONK“ bleibt allerdings nicht bei bekannten Figuren und Geschlechterwitzen stehen. Immer wieder stoppt Ceylan den Comedyfluss bewusst und wird ernst. In einer Zeit, die von Terroranschlägen und aufgeheizten gesellschaftlichen Debatten geprägt ist, formuliert er einen einfachen Gedanken: Angst darf den Alltag und vor allem das gemeinsame Lachen nicht bestimmen. Solche Passagen bekommen in der großen Arena eine andere Wirkung als der schnelle Gag davor.
Auch Intoleranz, sexuelle Belästigung und der Umgang miteinander werden angesprochen. Das klingt für ein Programm mit Hasan, Harald und Mompfreed zunächst beinahe widersprüchlich. Genau daraus entsteht aber ein Teil von Ceylans Humor. Seine Figuren dürfen absurde und politisch völlig unbrauchbare Positionen vertreten. Der Comedian dahinter lässt deutlich erkennen, wo seine eigene Grenze liegt.
Respekt ist bei „KЯONK“ keine Pointe.
Das Heimspiel endet im Mannheimer Modus
Zum Ende wird die Show noch einmal persönlicher. Kinder werden Teil des Programms, bekannte Figuren bekommen kleine Doppelgänger und über der Arena leuchten Handylichter. Nach all der Pyrotechnik, dem Metal und den derben Pointen wird der Ton plötzlich ruhiger.
Dann kommt wieder Mannheim.
„Ich bin so gerne Monnemer!“
Spätestens jetzt steht ein großer Teil der Halle. Standing Ovations für einen Künstler, der nur wenige Kilometer entfernt angefangen hatte, seine Figuren auf kleinen Bühnen auszuprobieren und nun zweimal hintereinander jeweils 10.000 Menschen in der SAP Arena erreicht. Dass wegen der enormen Nachfrage bereits ein weiteres Mannheimer „KЯONK“-Heimspiel für April 2017 angekündigt wurde, überrascht kaum.
Vom Capitol auf die große Arenabühne hat sich vieles verändert. Der Dialekt zum Glück nicht.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures













