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Ein paar Töne auf der Querflöte reichen, und dieser Sound ist sofort da. Ian Anderson, Gründer und Bandleader von Jethro Tull, gastierte im Amphitheater Hanau und brachte mehr als fünf Jahrzehnte Rockgeschichte mit auf die Bühne. Ein Abend, der von Nostalgie lebte, sich darauf aber nicht ausruhte.
Denn Anderson ist weit mehr als der Mann mit der Flöte. Seine Musik bewegt sich seit Ende der 60er zwischen Progressive Rock, Folk, Blues, Classic Rock und härteren Gitarrenpassagen. Diese eigenwillige Mischung hat Jethro Tull einen Platz in der Rockgeschichte gesichert.
Der Blick zurück führt zum 2. Februar 1968. Im legendären Marquee Club in der Londoner Wardour Street trat die Band erstmals unter dem Namen Jethro Tull auf. Noch im selben Jahr erschien das Debütalbum „This Was“.
Was danach kam, dürfte damals kaum jemand vorausgesehen haben.
Jethro Tull entwickelten sich zu einer der ungewöhnlichsten und erfolgreichsten britischen Rockbands ihrer Generation. Weltweit wurden über die Jahrzehnte mehr als 60 Millionen Alben verkauft. Dabei passte die Band schon früh nur bedingt in bestehende Schubladen.
Und mittendrin stand Ian Anderson.
Anderson machte ein Instrument zum Markenzeichen, das Ende der 60er kaum jemand mit einer Rockband verbunden hätte: die Querflöte.
Bei Jethro Tull durfte sie allerdings nie nur hübsche Melodien liefern. Anderson spielte sie rhythmisch, aggressiv, manchmal beinahe perkussiv und verband sie mit schweren Gitarren, Folk-Melodien und komplexen Arrangements. Dazu kam seine charakteristische Bühnenhaltung, häufig auf einem Bein stehend und mit der Flöte vor dem Gesicht.
Ein Bild mit Wiedererkennungswert.
Im Amphitheater Hanau funktionierte dieser Klang noch immer. Gerade unter freiem Himmel entwickelten die langen Instrumentalpassagen ihren eigenen Reiz. Mal wurde es ruhig und beinahe verträumt, dann zogen die Musiker wieder an und ließen die Rockseite deutlich hervortreten.
Das musikalische Erbe von Jethro Tull ist ungewöhnlich breit. Wer die Band lediglich unter Progressive Rock einsortiert, macht es sich etwas zu einfach.
Blues gehörte bereits in den Anfangsjahren zum Fundament. Später kamen komplexere Strukturen, deutliche Folk-Einflüsse und härtere Rockelemente hinzu. Gerade diese Mischung machte Alben und Songs der Band unverwechselbar.
Live bedeutete das: Stillstehen war musikalisch keine Option.
Ruhige Flötenpassagen konnten innerhalb kurzer Zeit in kräftige Gitarrenparts kippen. Dann änderte sich wieder der Rhythmus, Anderson setzte mit seiner markanten Stimme ein und aus dem vermeintlichen Nostalgieabend wurde plötzlich ein ziemlich lebendiges Rockkonzert.
Die Atmosphäre des Amphitheaters Hanau passte zu dieser musikalischen Zeitreise. Statt steriler Arenaproduktion gab es einen Open-Air-Abend, bei dem die Musik im Mittelpunkt stand.
Viele Besucher dürften mit Jethro Tull seit Jahrzehnten vertraut sein. Andere bekamen die Gelegenheit, jene Songs live zu erleben, die entstanden, als Progressive Rock noch keine sauber definierte Genrebezeichnung war.
Das Publikum hörte entsprechend aufmerksam zu. Gerade bei komplexeren Passagen wurde deutlich, dass hier niemand auf eine schnelle Hitparade wartete. Diese Musik braucht ihren Raum.
Sie bekam ihn.
Natürlich schwang an diesem Abend viel Erinnerung mit. Bei einer Geschichte, die bis 1968 zurückreicht, wäre alles andere merkwürdig.
Trotzdem wirkte Ian Anderson nicht wie ein Musiker, der seine eigene Vergangenheit lediglich verwaltet. Dafür steckt in den Arrangements noch immer zu viel Bewegung. Und dafür ist dieser eigenwillige Mix aus Flöte, Rock, Folk und Progressive auch Jahrzehnte später schlicht zu speziell.
Ian Anderson brachte im Amphitheater Hanau ein Stück britische Rockgeschichte auf die Bühne. Ohne die Vergangenheit künstlich aufzublasen.
Flöte hoch. Band setzt ein. Mehr braucht es manchmal nicht.
Text & Foto © by Jan Heesch
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