Icon oder Indoktrination. Wie weit darf Death Metal gehen 

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Am 20. Februar 2026 ist Icon erschienen. Das dritte Studioalbum von DEFACED. Veröffentlicht über Massacre Records. Produziert, gemischt und gemastert von Simon Egli und Romano Galli im Hardbeat Studio in Eggiwil. Zwei komplette Vorproduktionszyklen. Jahre akribischer Feinarbeit. Musikalisch treffen Death Metal, Grindcore und Black Metal auf eine geschärfte Melodik. Inhaltlich wählt die Band eine radikale Perspektive. Sie spricht aus Sicht des Unterdrückers über Autoritarismus, Überwachung und Manipulation. Das Artwork stammt von Pär Olofsson. Ein dystopisches Gesamtbild. Kein bequemes Album. Zeit für klare Fragen.

Hallo CK. Hier schreibt Matze, Gitarrist bei Defaced. Vielen Dank für die Anfrage und deine kritischen Fragen.

Ihr erzählt Icon aus der Perspektive des Unterdrückers. Warum habt ihr euch bewusst für diese Täterstimme entschieden und nicht für die Opferperspektive.

Es ist eine Absurdität, wie viel wir als Gesellschaft hinnehmen. Ich spreche jetzt hier nicht von autoritären Regimen, die mit Gewalt unterdrücken – dort ist Widerstand ein anderes Thema -, sondern von den sogenannten freien demokratischen, den „westlichen“, Staaten. 

Man muss kein Anti-Kapitalist sein, um zu sehen, dass unsere Wachstumsgesellschaft ungerecht ist. Man muss kein Anarchist sein, um zu sehen, das politische Macht aus privilegierten Elternhäusern stammt. Man muss kein Hippy sein, um zu sehen, dass Massenmedien und Social Media und süchtig und trotzdem leer zurück lassen. Unsere Leistungsgesellschaft strebt nicht nach dem Wohlergehen der Menschen, sondern nach dem Wohlstand von Wenigen. Die grosse Mehrheit krampft sich dafür ab. Und obwohl wir das alle irgendwo wissen, ändert sich der Kurs nicht. Wir fanden, dass dieser Zwiespalt, diese Absurdität, am pointiertesten mit einer zynischen Perspektive zum Ausdruck kommen würde. Die Stimme Icons sagt uns direkt ins Gesicht, dass wir ausgebeutet und unterdrückt werden, um uns im nächsten Satz Heilsversprechen zu machen. Ein scheinbarer Widerspruch. Aber ein Widerspruch, den wir alle jeden Tag leben.

Autoritarismus und Massenüberwachung sind reale politische Themen. Wo endet künstlerische Zuspitzung und wo beginnt konkrete Systemkritik.

„Icon“ sollte nicht als politische Stellungnahme verstanden werden. Auch nicht als Kritik eines spezifischen realen Staates oder Regimes. Das Album beleuchtet verschiedene Facetten von unterdrückenden Mechanismen, deren Kern selbstverständlich schon in Umständen und Geschehnissen aus der realen Welt zu finden sind. Dennoch ist hier auch ein gutes Stück Dystopie und Fiction mit drin. Und ein noch grösseres Stück Death Metal Usus.

Zwei komplette Vorproduktionszyklen sind ungewöhnlich. Was war in der ersten Version noch nicht radikal oder präzise genug.

Die Vorproduktionen haben wir genutzt, um unsere Songs auf uns wirken zu lassen. Wenn man nicht gleichzeitig spielen muss, kann man ganz anders zuhören. Mit dem Grossteil waren wir dann auch bereits zufrieden. Kein Song wurde danach komplett auf den Kopf gestellt. Trotzdem war es hilfreich, um Details, Übergänge oder sogar ganze Teile nochmals zu überdenken.

Musikalisch verbindet ihr Death Metal, Grindcore und Black Metal. Wo habt ihr bewusst Grenzen eingerissen und wo habt ihr euch selbst limitiert.

Wir haben versucht weder noch zu machen. Uns alle verbindet der Death Metal. „Icon“ sollte darum auch ein Death Metal Album werden. Einzelne von uns sind daneben aber zusätzlich im Black, im Grind, im Punk oder sogar ausserhalb des Metals verankert. Dadurch kamen unterschiedliche Ideen rein, ohne dass wir bewusst versucht hätten, einen neuen Stil zu kreieren oder avant-gardistisch zu sein. Schlussendlich waren alle Inputs willkommen, solange die Band dahinter stehen konnte. Wenn eine Idee für jemanden aus der Band eine „falsche“ Richtung eingeschlagen hat, wurde es tendenziell verworfen. Wir sind eine Band, die ihr Material gemeinsam im Konsens schreibt. Es ist nicht immer ganz einfach es 5 Leuten gleichzeitig Recht zu machen, wenn alle auch durchaus anspruchsvoll mit der eigenen Musik sind.

Eure Songs sind aggressiv, aber strukturell sehr durchdacht. Wie verhindert ihr, dass technische Präzision die rohe Energie neutralisiert.

Ich denke die Komplexität der Songs rührt von den Abläufen her. Es gibt nur wenige Wiederholungen von Teilen und deren Funktion ist nicht immer klar in die populären Strophe-Refrain-Bridge Strukturen einzuordnen. Davon abgesehen sind die einzelnen Parts nicht technischer Hochglanz. Oft sind wir eben lieber länger in einer Stimmung geblieben, haben Variationen von den Riffs oder Beats eingebaut, statt von Songteil zu Songteil hin und her zu wechseln. Diese Luft bringt, meiner Meinung nach, die rohe Energie zum Wirken.

Das Album heißt Icon. Wer oder was ist in eurer Lesart heute ein Icon. Ein Mensch, ein System, ein Algorithmus.

Wie gesagt ist das Icon kein reales Regime. Wir wollen kein schwarz-weisses Feindbild zwischen böser machtvoller Elite und unterworfenen Opfergesellschaft zeichnen. Selbstverständlich gibt es diktatorische Staaten, in denen repressiv und gewaltsam unterdrückt wird. Auch diese Umstände haben das Album inspiriert. Aber „Icon“ befasst sich auch mit subtileren Formen der Unterdrückung. Es geht uns dabei nicht darum, die politischen Entscheidungsträger und -trägerinnen unserer Zeit an den Pranger zu stellen. Es sind nicht immer die Menschen in diesen Ämtern, die repressiv handeln. Es ist das festgefahrene System, das an sich unterdrückend ist. Icon gibt diesem System eine Stimme, Es ist die Personifizierung eines Systems. 

Wie stark hat euch die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahre konkret beeinflusst. Gab es einen Moment, der dieses Album ausgelöst hat.

Die Themen gehen weniger auf spezifische Ereignisse zurück, als auf einen Grundtenor in Gesellschaft und politischen Institutionen. Von dem her lässt sich kein einzelnen Geschehnis herauslesen, das als Auslöser verstanden werden könnte. Dennoch gibt es immer wieder Geschehnisse, die diese Stimmung untermalen. Für mich sind das zum Beispiel das offene Geheimnis, wie durch soziale Medien politische Meinungsbildung beeinflusst wird, oder die Hinrichtungen in Nord Korea.

Das Artwork von Pär Olofsson ist zentral für die Wirkung. Wie eng war der Austausch. Habt ihr ihm ein fertiges Konzept gegeben oder hat er eure Vision mitgeformt.

Die Zusammenarbeit war kurz, effizient und sehr gut abgeglichen. Idee, Sujet und einen Grossteil der Symbolik hatten wir uns bereits zurecht gelegt, bevor wir ihn kontaktiert haben. Pär hat die Grundstimmung sofort verstanden und in einigen Bleistiftskizzen auf Papier gebracht. So ging das zwei, dreimal hin und her, wodurch immer mehr Details definiert wurden und das Artwork um ein paar symbolträchtige Elemente erweitert wurde. Das Ganze war innerhalb weniger Wochen erledigt. Pär ist professionell, zuverlässig und liefert 1A Qualität.

Ihr geht mit der Icon Europa Tour 2026 auf internationale Bühnen. Unterscheidet sich die Rezeption politischer Inhalte zwischen Basel, Osteuropa und Deutschland.

Es lässt sich zur Zeit noch nicht wirklich beantworten, wie unser Album aufgenommen wird. Es ist einfach noch zu frisch. Dass politische Aussagen in unterschiedlichen politischen Milieus unterschiedlich aufgenommen werden, liegt auf der Hand. Für Prognosen habe ich allerdings zu wenig demographisches Wissen und halte mich da lieber zurück. 

Wir denken aber nicht, dass wir in erster Linie für eine politische Aussage wahrgenommen werden und wünschen und das auch nicht. Für uns steht die Musik im Vordergrund.

Wenn ihr euch selbst kritisch betrachtet. Wo besteht die Gefahr, dass Provokation missverstanden oder instrumentalisiert wird. Und wie geht ihr damit um.

Es ist ja fast schon schmeichelhaft, dass du unserem Album eine derartige Resonanz zutraust, dass es missbraucht werden könnte. Wir glauben wirklich nicht, dass sich ernsthaft eine relevante politische Instanz für unser Werk interessiert. Wer nimmt denn bitte die Texte einer Death Metal Band für voll? Ich bezweifle also sehr, dass wir uns mit dieser Schwierigkeit ernsthaft auseinandersetzen werden müssen. Ich will dir dennoch auf deine interessante Frage antworten. Kunst ist kein Spiegel der Realität. Ein Spiegel zeigt nichts Neues. Kunst ist Darstellung und zeigt damit die Welt durch einen Filter. Es gibt verschiedene Filter; Provokation ist einer davon. Weil Kunst damit die Realität verzerrt, bietet es Spielraum für Interpretation. Wo interpretiert wird, kann auch missverstanden werden. Im schlimmsten Fall, wie du sagst, sogar instrumentalisiert. Kunst lebt aber auch von Mut. Wenn unser Werk missverstanden wird, können wir, glaube ich nicht viel anderes machen, als Stellung beziehen. In diesem Sinne, Danke für dein Interview, als Plattform dafür.

Danke für eure Klarheit und euren Mut, unbequeme Perspektiven auszuhalten. Icon ist kein Album für nebenbei. Es fordert heraus und zwingt zur Auseinandersetzung. Ich wünsche euch volle Clubs, intensive Diskussionen und die Kraft, euren Weg konsequent weiterzugehen. Alles Gute für die Tour und die kommenden Kapitel.

Interview by CK

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