Lemmy Kilmister mit Motörhead am 24. November 2015 bei der 40th Anniversary Tour in der Jahrhunderthalle Frankfurt

Motörhead in Frankfurt: Lemmy lässt die Halle beben

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Sirenen. Motorenlärm. Über der Bühne schwebt plötzlich das hell erleuchtete Gerippe eines Bombers herab. Dann stehen Lemmy Kilmister, Phil Campbell und Mikkey Dee unter dieser gewaltigen Konstruktion und eröffnen mit „Bomber“. Keine lange Ansage, kein vorsichtiges Aufwärmen. Am 24. November 2015 feiern Motörhead in Frankfurt ihr 40-jähriges Bestehen auf die einzig vernünftige Weise: laut, dreckig und ohne Rücksicht auf die Ohren. Die Jahrhunderthalle ist dicht gefüllt, und mit Saxon und Girlschool steht an diesem Abend gleich ein komplettes Stück britischer Rock- und Metalgeschichte auf der Bühne.

Motörhead haben im Sommer gerade „Bad Magic“ veröffentlicht. Lemmy steht wenige Wochen vor seinem 70. Geburtstag, gesundheitliche Probleme hatten in den Monaten zuvor immer wieder für Diskussionen und Konzertabbrüche gesorgt. In Frankfurt ist davon zunächst wenig zu spüren. Der Bass hängt wie immer ungewöhnlich hoch, der Mikrofonständer zeigt nach oben und diese raue Stimme schneidet durch eine Lautstärke, bei der körperlich spürbar wird, weshalb Motörhead seit Jahrzehnten ihren eigenen Platz zwischen Heavy Metal, Punk und Rock’n’Roll beanspruchen.

Girlschool eröffnen ein Familientreffen des britischen Rock

Dass Girlschool diesen Abend beginnen, passt perfekt. Die Londonerinnen und Motörhead verbindet eine Geschichte, die bis an den Anfang der Achtziger zurückreicht. Damals nahmen beide Bands gemeinsam die EP „St. Valentine’s Day Massacre“ auf. In Frankfurt kommt damit keine zufällig gebuchte Vorgruppe auf die Bühne, sondern eine Band aus demselben musikalischen Umfeld.

Der frühe Beginn und winterliches Wetter sorgen noch für Bewegung an den Eingängen, während Girlschool bereits spielen. Gitarren statt großer Inszenierung, schnörkelloser Rock statt Showballast. Nach ihrem Set wird schnell umgebaut. Denn der zweite Name auf dem Plakat wäre bei vielen anderen Tourneen problemlos selbst Headliner gewesen: Saxon.

Saxon brauchen keine Einladung zum Heavy Metal

Biff Byford betritt die Bühne und macht schnell klar, dass Saxon ihre Rolle als Special Guest nicht mit Zurückhaltung verwechseln. Bassist Nibbs Carter ist ständig in Bewegung, Gitarrenriffs drücken durch die Halle und mit „The Devil’s Footprint“ bekommt auch das gerade erschienene Album „Battering Ram“ seinen Platz. Doch richtig laut wird Frankfurt bei den Klassikern.

„Princess of the Night“. „Wheels of Steel“. „Crusader“.

Bei „Wheels of Steel“ spielt Byford mit dem Publikum, lässt Passagen zurückrufen und zieht den Song weit auseinander. Als die Frage nach dem nächsten Stück aufkommt, wird „Crusader“ aus der Halle praktisch eingefordert. Fast eine Stunde lang liefern Saxon einen Auftritt, der eher nach Co-Headliner als nach Vorprogramm klingt. Mit „747 (Strangers in the Night)“ endet schließlich ein Set, das die Jahrhunderthalle längst auf Betriebstemperatur gebracht hat.

Und dann kommt dieser Bomber.

„Bomber“, „Stay Clean“, „Metropolis“ – keine Gnadenfrist

Motörhead eröffnen genau so, wie es die riesige Konstruktion über ihren Köpfen verlangt. „Bomber“. Danach „Stay Clean“ und „Metropolis“. Mit „When the Sky Comes Looking for You“ schafft es auch ein Stück von „Bad Magic“ ins Programm, bevor „Over the Top“ wieder tief in die Bandgeschichte zurückführt.

Lemmy braucht keine großen Gesten. Er steht am Bass, schaut nach oben zum Mikrofon und lässt diese Songs arbeiten. Links davon zieht Phil Campbell seine Gitarrenspuren durch den Lärm, hinter beiden sitzt Mikkey Dee und spielt mit einer Präzision, die beinahe im Widerspruch zum scheinbaren Chaos auf der Bühne steht. Bei „Doctor Rock“ bekommt Dee seinen eigenen großen Moment und treibt sein Schlagzeugsolo immer weiter nach vorne.

Zwischendurch darf Campbell allein ran. Grünes Licht legt sich über die Bühne, die Gitarre übernimmt, ein kurzer Moment zum Durchatmen. Wirklich leise wird es trotzdem nicht.

Ein Riff nach dem anderen aus vier Jahrzehnten

„The Chase Is Better Than the Catch“ führt zurück zu „Ace of Spades“, „Lost Woman Blues“ nimmt kurz Tempo heraus. Danach ist die Ruhe sofort vorbei. „Rock It“, „Orgasmatron“, „Doctor Rock“ und „Just ’Cos You Got the Power“ legen eine raue Schneise durch die Achtzigerjahre der Band.

Gerade darin liegt die Stärke dieses Jubiläumssets. Motörhead versuchen gar nicht erst, aus 40 Jahren eine fein sortierte historische Rückschau zu bauen. Die Songs kommen, weil sie funktionieren. „No Class“ braucht keinen Kontext. Das Riff reicht.

Dann folgt „Ace of Spades“.

Der Moment ist sofort da. Fäuste gehen hoch, die ersten Reihen bewegen sich noch einmal heftiger und Lemmys Bass schiebt diesen Song mit der Wucht durch die Jahrhunderthalle, die ihn seit 1980 zu einer der großen Rockhymnen gemacht hat. Danach verschwinden Motörhead zunächst von der Bühne.

Mundharmonika statt Vollgas

Die Zugabe beginnt ausgerechnet leise. Bei „Whorehouse Blues“ greift Mikkey Dee zur Gitarre, Lemmy spielt Mundharmonika und aus dem dröhnenden Trio wird für wenige Minuten eine beinahe intime Bluesband. Nach allem, was vorher passiert ist, wirkt dieser Bruch umso stärker.

Lemmy stellt seine Mitstreiter vor. Ein paar Sekunden Luft.

Mehr bekommt Frankfurt nicht.

Mikkey Dee kehrt hinter sein Schlagzeug zurück, über der Bühne setzt sich erneut der Bomber in Bewegung und „Overkill“ beginnt. Die Doublebass treibt, Campbell hämmert seine Akkorde heraus, Lemmys Bass knurrt darunter. Das Finale wird länger, schneller, lauter. Noch einmal stoppen. Noch einmal einsetzen. Noch einmal alles nach vorne.

16 Songs haben Motörhead an diesem Abend gespielt, von „Bomber“ bis „Overkill“.

Vierzig Jahre nach der Bandgründung steht Lemmy noch immer unter einem fliegenden Bomber, den Rickenbacker-Bass vor dem Körper, das Mikrofon weit über Augenhöhe.

Und Frankfurt bekommt genau das, wofür Motörhead gekommen sind.

Rock’n’Roll.

Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures

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