Sido am 19. November 2015 während seiner „Liebe live“-Tour auf der Bühne der SAP Arena Mannheim

Sido in Mannheim: Zwischen Block, Liebe und Astronaut

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Riesige LED-Flächen, zwei ebenfalls mit Bildschirmen ausgestattete DJ-Pulte und schwere Bässe bestimmten am 19. November 2015 das Bild in der SAP Arena. Sido in Mannheim war dabei längst mehr als ein Rapper vor DJ und Mikrofon. „Liebe live 2015“ brachte eine aufwendig produzierte Show auf die Bühne, die immer wieder zwischen Straßenrap, persönlichen Songs, großen Popmomenten und trockenem Berliner Humor wechselte. Ursprünglich hätte das Konzert bereits am 24. Januar stattfinden sollen, war jedoch auf den November verschoben worden.

Der Zeitpunkt passte. Mit „VI“ war wenige Monate zuvor das sechste Studioalbum erschienen, und „Astronaut“ mit Andreas Bourani gehörte zu den größten deutschen Hits des Jahres. Gleichzeitig schleppte Sido eine Vergangenheit mit auf die Bühne, die vom maskierten Aggro-Berlin-Rapper bis zum etablierten Künstler und Familienvater reichte. Genau aus diesen Gegensätzen baute er den Abend. Alte Straßenrap-Nummern neben persönlichen Songs, harte Beats neben Akustikgitarre und Flügel.

MoTrip bringt Deutschrap statt klassischem Supportprogramm

Mit MoTrip stand bereits vor Sido einer der damals erfolgreichsten deutschen Rapper auf dem Programm. „So wie du bist“ mit Lary hatte sich 2015 zum Top-Ten-Hit entwickelt und passte damit ziemlich genau zu einer Tour, die zeigte, wie selbstverständlich deutscher Hip-Hop inzwischen große Hallen bespielte.

Später blieb Sido ebenfalls nicht allein auf der Bühne. B-Tight, STK und JokA tauchten immer wieder im Set auf und machten aus dem Hauptprogramm streckenweise eine kleine Rap-Crew-Show. Besonders B-Tight brachte zwangsläufig Erinnerungen an die frühen Berliner Jahre zurück. Bei „Hol doch die Polizei“ standen beide gemeinsam auf der Bühne. Vergangenheit und Gegenwart lagen an diesem Abend ohnehin ständig nur einen Song auseinander.

Vom Theater bis zum Männerklo

Der eigentliche Star neben Sido war die Bühne. Bei „Augen auf“ verwandelten die großen LED-Flächen den Hintergrund in einen Theatersaal, andere Songs bekamen komplett neue Bildwelten. Bei „Gürtel am Arm“ fielen Spritzen über die Videowände, bei „Mein Testament“ erschien Sidos eigener Grabstein. An anderer Stelle wurde die Bühne kurzerhand zum heruntergekommenen Männerklo. Dezent ging anders. Dafür waren die Visuals eng mit den Songs verzahnt und machten aus dem Konzert eine erstaunlich aufwendige Arenaproduktion.

Mit „Für ewig“, „Löwenzahn“ und „Selfie“ begann Sido zunächst deutlich in der Gegenwart. Danach ging es immer tiefer zurück: „Schlechtes Vorbild“, „Augen auf“, „Goldjunge“, „Strassenjunge“ und „Fuffies im Club“ holten verschiedene Stationen seiner Karriere in kurzer Folge nach Mannheim. Die alten Aggro-Jahre wurden dabei nicht verdrängt, aber auch nicht mehr zum Mittelpunkt erklärt. Sido war 2015 längst an einem anderen Punkt angekommen.

Und er machte sich selbst darüber lustig.

Bei „Mein Block“ stehen schließlich auch die Ränge

Im Innenraum wurde von Beginn an mitgebounct, auf den Sitzplätzen dauerte es etwas länger. Zu lange für Sido. Also begann er, die Zuschauer auf den Rängen zu provozieren und gegen deren Bequemlichkeit zu sticheln. Die Methode funktionierte. Spätestens bei „Mein Block“ war von der anfänglichen Zurückhaltung kaum noch etwas übrig und auch die Tribünen gingen deutlich stärker mit.

Dieser Song war ohnehin ein unvermeidbarer Schlüsselpunkt. Mehr als zehn Jahre nach dem Durchbruch stand Sido ohne Totenkopfmaske vor seinem Publikum, doch sobald das bekannte „Mein Block“-Motiv einsetzte, war die alte Energie sofort wieder da. Danach wechselte der Abend erneut die Richtung. „Einer dieser Steine“ bekam Akustikgitarre, bei „Der Himmel soll warten“ kam ein Flügel ins Spiel. Backgroundstimmen erweiterten den Sound, der klassische Rapaufbau aus MC und DJ wurde immer wieder verlassen.

„Astronaut“ trifft mitten ins Jahr 2015

Kurz vor dem Ende kam der Song, der Sidos neues Kapitel vielleicht deutlicher verkörperte als jeder andere. „Astronaut“. Gemeinsam mit Andreas Bourani hatte Sido damit wenige Monate zuvor die Spitze der deutschen Singlecharts erreicht. Bourani war in Mannheim nicht dabei, trotzdem gehörte der Song zu den erwarteten Höhepunkten des Abends.

Die Setlist zeigte überhaupt, wie breit Sido inzwischen aufgestellt war. Auf „Liebe“ und „Herz“ folgten Stücke wie „Mein Testament“ oder „Zu Straße“. „Der Himmel soll warten“ stand neben einer Version von „Atemlos durch die Nacht“, später folgten „BoomBidiByeBye“ und „Panorama“. Ein Konzert zwischen Pop, Straßenrap und Selbstironie, ohne den Versuch, diese Gegensätze sauber voneinander zu trennen.

„Bilder im Kopf“ reicht Mannheim noch nicht

Als „Bilder im Kopf“ in der Zugabe kam, hätte Sido mit einem seiner größten Hits problemlos Feierabend machen können. Das Publikum wollte allerdings noch einen anderen Teil seiner Vergangenheit hören. Die Forderungen wurden deutlich genug.

Also kam er noch einmal zurück.

„Arschficksong“. Jener Titel aus den frühen Aggro-Berlin-Jahren, der kaum weiter von „Astronaut“ oder den ruhigeren Momenten des Abends entfernt sein könnte, setzte den letzten Punkt. Genau deshalb passte er. Der Sido des Jahres 2015 konnte am Flügel stehen, mit Backgroundsängern arbeiten und wenige Minuten später wieder den alten Straßenrapper herauslassen.

Am Ende blieb ein Konzert, das ziemlich genau zeigte, wie weit Sido seit den Tagen mit Totenkopfmaske gekommen war, ohne diese Vergangenheit abzuschütteln.

Maske weg. Der Block blieb.

Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures

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