„Musik braucht Zeit, keine Abkürzungen.“ Michael J. Keplinger über Kunst, Klang und die Kraft einer Vision 

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Mit der EP „The Words At Play“ veröffentlicht der österreichische Musiker und Filmemacher Michael J. Keplinger ein Werk, das Musik und Film zu einer zusammenhängenden Erzählung verbindet. Fünf Songs und fünf Musikvideos greifen ineinander und behandeln Themen wie Erinnerung, Vergänglichkeit und persönliche Veränderung. Im Gespräch spricht Michael über den langen Entstehungsprozess, seine kreative Arbeitsweise, die Bedeutung von Eigenständigkeit und darüber, weshalb Stille manchmal mehr ausdrückt als Lautstärke.

„The Words At Play“ ist weit mehr als eine klassische EP. Wann war dir klar, dass Musik und Film zu einem gemeinsamen Gesamtkonzept werden sollten und nicht als zwei getrennte Projekte funktionieren würden?

Das war schnell klar, wobei ich gar nicht von einer bewussten Entscheidung sprechen kann. Wenn neue Musik entsteht, denkt ein Teil meines Kopfes sofort darüber nach, wie sie sich filmisch erweitern ließe. Gleichermaßen, wenn ich an einem filmischen Stoff arbeite, denke ich von Anfang an mit, wie er wohl klingen sollte.

The Words At Play war besonders, weil die Musik für sich schon eine Geschichte erzählt. Gerade weil diese Geschichte aber nicht in Bildern oder Worten erzählt wird, sondern in der Musik, liegt sie aber tiefer vergraben und erschließt sich eher assoziativ als eindeutig. Fatal wäre es daher, einen Film dazu zu machen, der diese Ebene freilegt und eindeutig macht. Das würde abtöten, was die Musik spannend macht.

Die Frage war also, wie man die Musik um eine Ebene in Bildern ergänzt, ohne etwas anderes zu untergraben oder zu überschatten. Als diese Frage im Raum stand, war die Konsequenz eigentlich schon klar: Wir drehen einen Film.

Ausgangspunkt der EP war eine Songidee während eines Fluges nach London. Kannst du dich noch an diesen Moment erinnern und weshalb entwickelte sich daraus schließlich ein komplettes Konzeptalbum?

Sehr gut sogar. Normalerweise höre ich während eines Flugs Musik. Dieses Mal hatte ich aber diese Akkordfolge im Kopf. Wie ein Ohrwurm eines Liedes, das aber noch nicht existierte. Ich habe es dann im Kopf Stück für Stück ausformuliert. Später musste ich noch Zeilen schleifen und ergänzen, aber der Kern von The Words At Play war da.

Gleichzeitig hatte ich schon das Gefühl, dass dieses Lied nur Teil einer Geschichte ist. The Words At Play ist recht düster und mich ließ das Gefühl nicht los, dass es eine leichtere Kehrseite dazu geben müsste. Das war der Funke hinter Ember.

Manche Lieder entstehen so plötzlich wie The Words At Play. Andere brauchen deutlich länger. Ember gehört zur letzteren Kategorie. Es wollte mir lange einfach nicht gelingen, es fertig zu schreiben. Irgendwann kam mir dann ein unsinniger Gedanke: Wie wäre es, wenn ich dieses zunächst noch sehr ruhige, meditative Musikstück mit einem Schlagzeug zudecke? Plötzlich ging es Schlag auf Schlag und mit einigen neuen Passagen und Schichten wurde Ember zu dem, was es heute ist.

Die übrigen Stücke sind ebenso eng verwoben. Als ich mich nach einer Ember-Session um drei Uhr morgens zur Ruhe zwingen wollte, hab ich mich spontan entschieden, eine Art Gute-Nacht-Stück für meine Katze zu schreiben, die mir die ganze Session über Gesellschaft geleistet hatte. Ich habe eine Gitarre angeschlossen und improvisiert. Daraus wurde Rêverie To Zoë. Ähnlich war es bei S8/Underground. Es war eine spontane Riff-Idee, die immer weiter gewachsen ist.

Irgendwann habe ich aber verstanden, dass auch diese beiden Stücke untrennbar zum großen Ganzen gehören. Erst mit ihnen war die Narrative abgerundet. Es braucht die sorgenfreie Leichtigkeit von Rêverie To Zoë, um von der Schwerfälligkeit von The Words At Play in die Romantik von Ember zu gelangen. Es braucht das tatkräftige S8/Underground, um von der stoischen Ruhe von Ember auszubrechen. Und es braucht die Reprise, um den Bogen zum Anfang zu finden. Es hat alles Sinn ergeben.

Die neue Single „Ember“ bildet das emotionale Zentrum der EP. Welche Geschichte wolltest du mit diesem Song erzählen und warum nimmt gerade dieses Stück eine so wichtige Rolle innerhalb des gesamten Projekts ein?

Es ist schwierig, so etwas in Worte zu fassen, ohne der Musik meine eigene Auffassung aufzuzwingen. Letztlich hoffe ich, dass jeder in der Musik etwas Eigenes findet. Für mich ist Ember aber so etwas wie der Schlüssel zum großen Ganzen. Wenn der Titelsong davon zeugt, niemals loslassen zu wollen, gibt Ember zu verstehen, warum dem so ist.

Vielleicht darf ich an dieser Stelle auch verraten: Die The Words At Play EP ist nur die erste Hälfte einer größeren Erzählung. Sie lamentiert Vergänglichkeit und Stillstand. Ich möchte noch erzählen, was danach kommt.

Deine Musik bewegt sich zwischen atmosphärischem Art Rock, Singer Songwriter und cineastischen Klangwelten. Wie findest du die Balance zwischen emotionaler Offenheit und musikalischer Präzision, ohne dass eines das andere überlagert?

Ehrlicherweise: Ich weiß es nicht. Songwriting ist dieser mystische Prozess zwischen Intuition und Handwerk: ersteres gibt die Richtung vor und letzteres hilft, den Weg zu finden.

Ich habe dabei die Erfahrung gemacht, dass die Musik eher darunter leidet, je mehr ich versuche, etwas zu erzwingen. Manchmal schreibe ich eine Zeile, die mir zu persönlich vorkommt, manchmal nehme ich etwas auf, das mir zu ungeschliffen wirkt, und manchmal habe ich Sorge, mit zu vielschichtigen Arrangements den Fokus zu verlieren. Letztlich muss ich aber den Kritiker in meinem Kopf ausschalten und auf meine Intuition hören. Ich muss mich darauf verlassen können, dass der Weg, der in mir die stärkste emotionale Resonanz auslöst, der richtige ist. Ich folge, wo die Musik mich hinführt—sie gibt den Ton an.

Du übernimmst Komposition, Performance, Produktion und Mixing selbst. Welche Vorteile bietet dir diese vollständige kreative Kontrolle und gibt es Momente, in denen eine externe Perspektive dennoch hilfreich wäre?

Ich habe immer Alben geliebt, die aus einer Hand stammen. Egal ob nun von Paul McCartney, Dave Grohl, John Frusciante oder heute Wolfgang Van Halen. Solche Alben haben eine ganz besondere Handschrift, weil die Eigenheiten der federführenden Person in jeder Facette zu hören sind.

Bei mir hat sich das aber—wie auch bei den genannten Musikern—ganz einfach aus den Umständen ergeben. Ich habe als Kind angefangen, im Keller mit dem Laptop meiner Mutter Musik aufzunehmen. Da musste ich alles selbst einspielen, was ich in der finalen Aufnahme haben wollte. Erst waren es Gitarre und Gesang, dann Bass, dann Keyboards usw. Alles, was ich heute mache, ist eine Fortsetzung dessen. Meiner Mutter bin ich übrigens bis heute sehr dankbar.

Natürlich hat diese Arbeitsweise Nachteile: Eine zweite Person kann neue Ideen einbringen, aus einer Sackgasse holen und Entscheidungen beschleunigen. Gleichzeitig liebe ich es aber, mich mit jedem Detail zu beschäftigen.

Die Ausnahme ist der allerletzte Schritt: das Mastering, also die letzte Aufbereitung vor der Veröffentlichung. Nachdem ich alles eingespielt und gemischt habe, möchte ich, dass in diesem letzten Schritt jemand mit ganz frischen Ohren den letzten Schliff für die Veröffentlichung tut. Das möchte ich inzwischen nicht mehr missen.

Das Mastering entstand in den legendären Abbey Road Studios. Was hat dieser letzte Produktionsschritt deiner Meinung nach noch verändert und welche Bedeutung hatte dieser Moment persönlich für dich?

Die Abbey Road Studios waren für mich immer heilige Hallen. Die Beatles sind für mich die absolute Spitze der Musikgeschichte, und dass ein Großteil ihrer Aufnahmen dort entstanden ist—inklusive meines vielleicht liebsten Albums überhaupt, Abbey Road—macht diesen Ort für mich legendär. Dort einmal an eigener Musik zu arbeiten war immer ein Wunschtraum. Es war meine Freundin, die irgendwann die Frage formuliert hat, ob man die Studios nicht einfach für einen Arbeitsschritt buchen könnte. Erst war die Frage für mich fast blasphemisch, bis ich realisiert habe: Ja, warum denn eigentlich nicht? Ich habe dann Alex Wharton als Mastering Engineer ausgesucht und war von seiner Arbeit enorm beeindruckt. Er hat zwei Minuten gelauscht, und dann gleich begonnen, am Pult seine Feinjustierungen zu setzen. Immer nur minuziöse Details und doch hat er damit meine Musik auf eine neue Ebene gehoben. Ich kann bestätigen: die Abbey Road Studios werden ihrem Ruf gerecht.

Als ich die Studios nach der Session verlassen habe, habe ich mich auf eine Parkbank gesetzt und sofort meinen Vater angerufen. Ihm verdanke ich seit meiner frühesten Kindheit meine Liebe zur Musik. Er ist auch wahrscheinlich der einzige Mensch, den ich kenne, der noch größerer Beatles-Fan ist als ich. Ich konnte es nicht abwarten, ihm von diesem Erlebnis zu erzählen.

Ein gesundheitlicher Einschnitt hat die Entstehung der EP geprägt. Hat diese Erfahrung deine Sicht auf Musik und Kreativität dauerhaft verändert und wenn ja, in welcher Weise?

Nicht unbedingt meine Musik selbst, aber die Art, wie ich an sie herangehe. Ich neige dazu, Dinge zu zerdenken, teilweise so sehr, dass es mich in meinem Handeln einschränkt. Als ich meine Gesundheit zurückhatte, war da plötzlich ein starkes Gefühl: Ich kann Dinge tun, und am besten jetzt gleich.

Diese Energie hat meine kreative Arbeit verändert. Es hat mir geholfen, alles weniger drastisch zu sehen, weniger ernst. Erst der Idee folgen, und schauen, wo sie hinführt. Zerdenken kann man sie später immer noch.

Als Filmemacher erzählst du Geschichten in Bildern, als Musiker mit Klängen. Wo unterscheiden sich diese beiden Ausdrucksformen und wo ergänzen sie sich für dich am stärksten?

Es bestehen wahrscheinlich mehr Gleichheiten als Unterschiede. Von Rhythmus und Balance, hin zur Gestaltung von Raum treten viele gleiche Fragen auf, egal ob man nun in Film oder Musik werkt.

Spannend sind die Rahmenbedingungen: Es gibt keinen in Stein gemeißelten Grund, warum ein Musikalbum zirka 40 Minuten dauern muss. Der Grund ist derselbe, warum ein Albumcover heute quadratisch ist: nämlich dass sich Gewohnheiten in der Vinyl-Ära gefestigt haben und 20 Minuten pro Seite aus technischer Sicht sinnvoll waren. Ähnlich ist es mit EPs und Singles, oder Filmen und Kurzfilmen. Egal ob nun Drei-Akt-Struktur oder Bildformat. Man gestaltet gewissermaßen immer in gefestigte Normen und Gewohnheiten etwas Neues hinein.

Es gibt natürlich auch tief verankerte Unterschiede: Film arbeitet stärker mit konkreten Formen und Zusammenhängen. Bilder erzählen, ordnen ein und geben eine greifbare Welt, die Musik lediglich andeuten kann. Man würde kaum einen Politthriller als Musikalbum versuchen. Die nötige Informationsdichte ist nicht gegeben.

Was Musik hingegen so verführerisch macht, ist, dass sie die wohl abstrakteste Kunstform ist. Man ist nicht so versucht, sich in einer oberflächlichen Handlung zu verlieren. Man hört einen Klang oder einen Akkord, der einem anderen folgt, und es entsteht ein sofortiges, unmittelbares Gefühl. Sie spricht die Intuition an. Dieselbe, auf die man sich auch beim Schreiben verlässt. Es ist aber auch dieselbe, die einen bewegt, wenn man einen Film sieht oder ein Gemälde betrachtet. Dort gliedert sie sich nur gegebenenfalls in ein größeres Konstrukt ein.

Natürlich ist keine Kunstform besser als die andere. Sie bieten nur unterschiedliche Möglichkeiten und Stärken. David Lynch hat bekanntlich zum Film gefunden, weil er einem seiner Gemälde einen Klang ergänzen wollte.

Viele Veröffentlichungen orientieren sich heute an kurzen Streamingformaten und schneller Aufmerksamkeit. Deine EP wirkt dagegen bewusst entschleunigt und verlangt Zeit. Ist das eine bewusste Haltung gegenüber den Mechanismen des heutigen Musikmarktes?

Ja und Nein. Ich kann letzten Endes Musik nur so machen, wie es für mich natürlich ist. Damit passe ich womöglich häufig nicht in die Mechanismen der Zeit und kann Chancen nicht wahrnehmen, die mir andernfalls offen stünden. Dass ich mich trotzdem immer wieder für die Integrität meiner Werke entscheide, kann man natürlich als eine bewusste Haltung zum heutigen Markt sehen. Gleichzeitig will ich aber nicht zu schwarzmalerisch denken. Es hat auch Vorteile, eine Nische zu bedienen.

Letztlich bin ich ein Optimist. Ich glaube, dass die Welt auf lange Sicht zum Besseren tendiert und man sich ohnehin nur vorwärts bewegen kann. In den 2000ern gab es etwa eine Panik, dass die Musikindustrie aussterben könnte, da man Musik illegal online herunterladen kann. Für die Musikschaffenden bedeutete das den Ausfall einer Haupteinnahmequelle. Heute ist das kein Thema mehr, weil kaum jemand mühselig Musik herunterlädt, wenn man zum Preis eines Abonnements praktisch jede veröffentlichte Musik auf Knopfdruck hören kann. Die Gegebenheiten haben sich den Umständen angepasst.

Heute haben wir neue Herausforderungen: mangelnde Fairness in der Bezahlung von Musikschaffenden, die mangelnde rechtliche Regulierung von KI und die Unterwerfung an die Willkürlichkeit von Social Media-Algorithmen. Das sind drei sehr ernstzunehmende Gefahren, die uns alle betreffen, aber letzten Endes werden wir auch hier Lösungen finden und uns weiterentwickeln. Ich für meinen Teil freue mich auf das, was kommt.

Mit „The Words At Play“ schließt du ein sehr persönliches Kapitel ab. Worauf dürfen sich deine Hörerinnen und Hörer als Nächstes freuen? Gibt es bereits Pläne für Konzerte, Festivalauftritte oder neue musikalische Projekte, mit denen du dieses Werk weiterführen möchtest?

Es bleibt definitiv spannend! Wie schon angedeutet, ist The Words At Play nur die erste Hälfte einer größeren Erzählung. Die zweite Hälfte steht schon in den Startlöchern und wird nicht lange auf sich warten lassen. In der Zwischenzeit möchte ich mit einigen Auftritten mehr Aufmerksamkeit erzielen.

Auf meiner Website unter michaeljkeplinger.com kann man sich immer auf dem aktuellsten Stand halten. Besonders freue ich mich über alle, die sich unter michaeljkeplinger.com/newsletter zu meinem Newsletter anmelden, damit ich mich mit Updates melden darf!

    Lieber Michael, vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen und uns einen so persönlichen Einblick in die Entstehung von „The Words At Play“ gegeben hast. Es ist spürbar, mit welcher Leidenschaft und Konsequenz du Musik und Film zu einer gemeinsamen künstlerischen Sprache verbindest.

    Für die Veröffentlichung der EP wünschen wir dir viel Erfolg, inspirierende Begegnungen und ein Publikum, das sich auf die Ruhe, die Tiefe und die Vielschichtigkeit deiner Musik einlässt. Wir freuen uns darauf, deinen weiteren künstlerischen Weg zu begleiten und wünschen dir für die kommenden Projekte alles Gute.

    Interview by CK

    Bild: MJK – Michael J.Keplinger © Matthias Windeck

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