
New Model Army in Marburg: Intensiver Abschluss der Sommernächte
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Am 21. Juli 2024 gehörte die Schlossparkbühne New Model Army. Die britische Band um Justin Sullivan setzte den Schlusspunkt unter die Marburger Sommernächte 2024 und traf bei ihrem ausverkauften Open-Air-Konzert auf ein Publikum, das mehrere Generationen vereinte. Um 20.15 Uhr begann ein rund 100-minütiger Streifzug durch mehr als vier Jahrzehnte Bandgeschichte.
Dass sich New Model Army in Marburg nicht auf die sichere Nummer einer reinen Best-of-Show zurückzogen, wurde bereits in den ersten Minuten deutlich. Die Band eröffnete mit „Coming or Going“, einem Stück des aktuellen Albums „Unbroken“, und stellte damit die Gegenwart bewusst vor die Nostalgie.
New Model Army setzen in Marburg auf „Unbroken“
„Unbroken“ war erst am 26. Januar 2024 erschienen und ist das 16. Studioalbum der Band. Vier Stücke daraus standen in Marburg auf der Setlist: „Coming or Going“, „First Summer After“, „Language“ und das atmosphärische „Idumea“.
Gerade „First Summer After“ und „Language“ zeigten, dass neues Material bei New Model Army nicht wie ein Pflichtblock zwischen den Klassikern wirkte. Die Songs passten erstaunlich selbstverständlich neben ältere Nummern wie „White Light“ oder „225“. Rau, direkt und ohne überflüssige Verzierungen. Justin Sullivans Stimme stand dabei immer im Zentrum, mal eindringlich erzählend, dann wieder mit jener Schärfe, die viele Songs der Band seit Jahrzehnten prägt.
New Model Army haben ohnehin nie besonders gut in eine einzelne Schublade gepasst. Punk, Post-Punk, Folk, Rock und politische Songwriter-Tradition laufen in ihrer Musik ineinander. Die Band selbst blickt auf eine Geschichte zurück, die am 23. Oktober 1980 mit ihrem ersten Konzert in Bradford begann. Justin Sullivan gehörte schon damals zur Gründungsbesetzung.
Zwischen „Vagabonds“, „Never Arriving“ und „Angry Planet“
Die Setlist in Marburg sprang konsequent zwischen verschiedenen Phasen dieser Geschichte. Nach „Coming or Going“ folgten „Long Goodbye“ und „March in September“, später standen „Winter“, „Never Arriving“, „Stormclouds“ und „Angry Planet“ im Programm. „Never Arriving“ stammt dabei nicht vom aktuellen Album, sondern von „From Here“ aus dem Jahr 2019. Die ursprüngliche Einordnung als neuer „Unbroken“-Song wäre daher falsch gewesen.
Besonders stark funktionierten jene Stücke, bei denen die charakteristische Verbindung aus Melancholie und Vorwärtsdrang zum Tragen kam. „Summer Moors“ baute Spannung eher langsam auf, während „Vagabonds“ mit seiner markanten Melodieführung sofort Wiedererkennung auslöste.
Sullivan brauchte dafür keine großen Showgesten. Seine Bühnenpräsenz entsteht aus etwas anderem. Ein Blick, eine Textzeile, der nächste Gitarreneinsatz. Die Band spielte konzentriert und ließ den Songs den Raum, den sie brauchen. Vor der Schlossparkbühne wurde mitgesungen und getanzt, bei ruhigeren Passagen hörte das Publikum ebenso aufmerksam zu.
Das passt zu New Model Army. Laut können andere schließlich auch.
Klassiker und neue Songs unter dem Marburger Nachthimmel
Mit „Whirlwind“, „Bad Old World“ und „Wonderful Way to Go“ zog das reguläre Set in seinem letzten Abschnitt noch einmal deutlich an. Die Bühne im Schlosspark erwies sich dafür als passender Ort. Kein überladener visueller Bombast, sondern Musik unter freiem Himmel, Licht zwischen den Bäumen und eine Band, die ihre Wirkung nicht aus Spezialeffekten ziehen muss.
Auch deshalb hatte dieser letzte Abend der Marburger Sommernächte eine andere Farbe als ein typisches Festivalfinale. Zuvor hatten vom 18. bis 20. Juli Kettcar, Suzanne Vega und Kiefer Sutherland die Konzertreihe geprägt; New Model Army übernahmen den Sonntagabend.
Nach „Wonderful Way to Go“ war noch nicht Schluss. Vier Zugaben standen an.
„High“ eröffnete den letzten Block, danach folgten „Fate“ und „Green and Grey“. Gerade letzterer gehört zu jenen New-Model-Army-Songs, die live kaum einer Erklärung bedürfen. Stimmen kamen aus dem Publikum zurück, während Sullivan die letzten Minuten dieses Sommerabends kontrollierte, ohne ihn künstlich aufzublasen.
Mit „Get Me Out“ fiel schließlich nach 21 Songs der Vorhang. New Model Army hatten zuvor knapp eine Stunde und 40 Minuten gespielt. Kein nostalgischer Rückblick einer Band, die von ihrer Vergangenheit lebt. Eher das Gegenteil: vier neue Songs im Set, Stücke aus mehreren Jahrzehnten und dazwischen immer wieder diese eigenwillige Spannung, wegen der New Model Army auch mehr als 40 Jahre nach ihrem ersten Konzert schwer einzuordnen bleiben.
Setlist von New Model Army bei den Marburger Sommernächten
Coming or Going · Long Goodbye · March in September · First Summer After · Language · Winter · Idumea · White Light · 225 · Never Arriving · Stormclouds · Angry Planet · Summer Moors · Vagabonds · Whirlwind · Bad Old World · Wonderful Way to Go
Zugabe: High · Fate · Green and Grey · Get Me Out
Text & Foto © by Jan Heesch














