
Roger Stein im Interview. Wenn der Supermarkt zur Bühne der Gegenwart wird
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Mit „Ist es nicht schön hier“ richtet Roger Stein den Blick dorthin, wo große Geschichten zunächst gar nicht vermutet werden. Zwischen Alltag, gesellschaftlichen Widersprüchen, Humor und Melancholie entstehen zwölf Lieder, die den Supermarkt ebenso zur Bühne machen wie die Gegenwart selbst. Das dritte Soloalbum erscheint nach aktuellem Stand am 4. September 2026 bei Sturm & Klang. Musikalisch bleibt Stein dem Spannungsfeld aus Chanson und Liedermacherkunst verbunden, erweitert seinen Ansatz aber um die Zusammenarbeit im Trio. Im Interview wollen wir deshalb nicht nur über das neue Album sprechen. Uns interessiert, wie aus Beobachtungen Songs werden, warum Zweifel produktiv sein können und wie viel Menschlichkeit selbst in widersprüchlichen Figuren steckt.
„Ist es nicht schön hier“ macht ausgerechnet den Supermarkt zum Schauplatz gesellschaftlicher Beobachtung. Was kannst du zwischen Neonlicht, Einkaufswagen und Tiefkühlregal über Menschen erzählen, das dir an vermeintlich bedeutenderen Orten verborgen bleiben würde?
Im Supermarkt fallen vielleicht eher die Masken, gerade weil wir dort mit etwas so Gewöhnlichem beschäftigt sind. Niemand ist dort, um eine bestimmte Rolle zu spielen. Lustigerweise fühlen und benehmen sich Leute im Supermarkt wie zu Hause. Das ist künstlerisch ein toller Beobachtungsort. Im Supermarkt sieht man plötzlich sehr konkret, welche Haltung jemand gegenüber anderen Menschen hat.
An vermeintlich bedeutenden Orten wissen wir, dass wir beobachtet werden und verhalten uns entsprechend. Zwischen Neonlicht und Tiefkühlregal vergessen wir das eher und sind dann eher der Primat oder Mensch. Je nach Gewichtung.
Auf dem Album begegnen uns Themen wie Freundschaft, Fachkräftemangel, Macht, Moral und unterschiedliche Überlebensstrategien. Wie entscheidest du, welche Beobachtung das Potenzial für einen Song besitzt und welche zwar interessant ist, musikalisch aber nicht funktioniert?
Das kann man leider vorher nie sagen – wenn man das vorher entscheiden könnte, würde man sich eine Menge Zeit sparen. Es ist ein bisschen wie beim Kochen: Man kann gute Zutaten haben und trotzdem schmeckt das Gericht am Ende nicht. Eine Beobachtung kann auf dem Papier unglaublich interessant sein und trotzdem keinen Song tragen. Und umgekehrt kann aus etwas ganz Nebensächlichem plötzlich ein Lied entstehen. Ich muss die Songs deshalb erst schreiben, um herauszufinden, ob in einer Beobachtung wirklich musikalisches und erzählerisches Potenzial steckt. Daran führt leider kein Weg vorbei. Überhaupt liegen Kochen und Komponieren erstaunlich nah beieinander: Man nimmt Zutaten, probiert Kombinationen aus, verwirft manches wieder und hofft, dass am Ende etwas zusammenpasst. Viele Komponisten kochen deshalb auch gern. Giacomo Rossini soll das Komponieren sogar mit 37 Jahren nach seiner Oper “Wilhelm Tell” aufgegeben haben – und sich nur noch dem Kochen und der Kulinarik gewidmet haben.
Im „Lobbyisten-Tango“ treffen Macht und Moral aufeinander. Gleichzeitig möchtest du deine Figuren offenbar nicht einfach vorführen oder verurteilen. Wie schwierig ist es, gesellschaftliche Missstände deutlich zu benennen und trotzdem die Menschen hinter ihren Rollen nicht zu Karikaturen zu machen.
Niemand hält sich selbst für den Bösewicht. Auch jemand, der Macht ausübt oder moralisch fragwürdige Entscheidungen trifft, hat meistens eine eigene Logik, mit der er sein Handeln rechtfertigt. Ich glaube, es wird erst interessant, wenn man die Figuren nicht als böse Menschen schreibt. Die meisten Menschen gehen ja nicht morgens aus dem Haus und denken: Heute mache ich etwas Unmoralisches. Sie haben Gründe, Interessen, Ängste und erzählen sich selbst eine Geschichte darüber, warum das, was sie tun, richtig oder zumindest notwendig ist. Die reden es sich innerlich “zurecht”. Meine Lobbyistenfigur hält sich ja im Grunde für einen zärtlichen, kulturinteressierten Menschen. Und: Wenn man eine Figur oder Funktion nur anklagt wird es schnell platt. Wenn man sie ein bisschen sympathisch, charmant oder sogar teilweise liebevoll zeichnet, wird es ambivalenter.
Du beschreibst die zwölf Stücke als einen zusammenhängenden Zyklus, in dem Lieder miteinander kommunizieren, sich ergänzen und widersprechen. Was muss ein einzelner Song leisten, damit er für sich funktioniert und trotzdem Teil dieser größeren Dramaturgie bleibt?
Ein einzelner Song muss für sich funktionieren. Wenn man ihn aus dem Zusammenhang herausnimmt, sollte er eine eigene Geschichte und eine eigene Welt haben. Aber gleichzeitig ist er Teil eines grösseren Ganzen. Und natürlich reden die Lieder miteinander, fast so wie Figuren in einem Stück. Man könnte sich vorstellen, dass zwölf Personen an einem Tisch sitzen. Jeder hat seine eigene Geschichte, seine eigene Haltung, seine eigene Sprache – aber was einer sagt, verändert auch, wie man den nächsten wahrnimmt. Die Lieder können sich also ergänzen, widersprechen oder aufeinander antworten, ohne dass das unbedingt ganz offensichtlich sein muss.
Deine Texte leben stark von Sprache, Reim, Perspektivwechsel und genauer Beobachtung. Was steht beim Songwriting normalerweise zuerst da, ein Satz, eine Figur, ein gesellschaftlicher Widerspruch oder bereits eine musikalische Idee, und an welchem Punkt weißt du, dass daraus tatsächlich ein Lied werden kann?
Das merkt man sehr einfach. Nämlich daran, wenn der Text oder die Musik die Kontrolle übernimmt. Wenn man als Autor nicht mehr der “Chef” ist. Wenn ich plötzlich nicht mehr das Gefühl habe, dass ich etwas mache, sondern dass „ES“ etwas macht – dass „ES“ schreibt, dass „ES“ lenkt –, dann weiss ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Das Lied beginnt, seinen eigenen Weg zu gehen. Und dann bin ich irgendwann nicht mehr der Chef, sondern eher der Geburtshelfer. Ich kann ihm helfen, auf die Welt zu kommen, aber ich kann nicht mehr bestimmen, was es werden will. Und genau dieser Moment ist für mich beim Schreiben eigentlich der spannendste.
Du bist promovierter Germanist und klassisch ausgebildeter Sänger. Gleichzeitig soll ein Song nicht wie eine akademische Fingerübung wirken, sondern unmittelbar funktionieren. Musst du beim Schreiben manchmal ganz bewusst Wissen, sprachliche Perfektion oder eine besonders schöne Formulierung wieder wegwerfen, damit ein Lied lebendig bleibt?
Handwerk ist Handwerk und Gefühl bleibt Gefühl. Aber Rezeption ist wichtig und dabei hilft eine Ausbildung sehr. Es ist wichtig ist, dass man viel rezipiert, wenn man selbst etwas produziert. Das gilt nicht nur für Kunst und Musik, das gilt auch Wissenschaft und Forschung. Es macht doch nur Sinn, wenn ich an den aktuellen Stand, das aktuelle Gefühl, den aktuellen Diskurs anknüpfe und nicht dort anfange, wo andere längst waren. Kunst ist und lebt vom Dialog, vom Austausch, von Rezeption und Innovation. Also im luftleeren Raum nur “sein Ding” zu machen, ohne die ganzen grossartigen Dinge von anderen rezipiert zu haben, halte ich in den wenigsten Fälle für zielführend. Daher ist aus meiner Sicht ein Studium tut immer gut und es fördert auch die Dehmut, weil man dabei einfach auf das stösst, was viele Menschen vor einem schon geleistet und gemacht haben.
Mit Ferdinand Roscher am Bass und Simon Froschauer an Schlagzeug und Percussion ist aus deinem Soloprojekt inzwischen auch eine neue musikalische Konstellation entstanden. Was hat diese Zusammenarbeit an deiner eigenen Arbeitsweise verändert, gerade dort, wo du früher allein entschieden hast?
Das sind einfach zwei fantastisch Musiker und Freunde. Und zu dritt sind wir natürlich die Ritter des Desasters! Es geht ja nie um die Musik allein, sondern auch das darum Herum. Simon hatte zum Beispiel irgendwann die grandiose Idee, den kaputten Dichtungsring der Studiotoilette selbst zu reparieren. Er kann ja sonst auch alles! Dummerweise fiel ihm der Dichtungsring dabei ins Rohr. Was zunächst nicht weiter dramatisch aussah, entwickelte sich über mehrere Tage zu einem kleinen Desaster von Nürnberg. Aber die Geschichte würde hier den Rahmen sprengen.
Die Zusatzerkenntnis ist jedoch schön, dass auch unter Musikern in Deutschland wahnsinnig viel Werkzeug vonhanden ist, was man sich ausborgen kann. Es ist überhaupt erstaunlich, was für Werkzeugmengen in Deuschland in Privatbesitz sind, die vielleicht einmal im Leben gebraucht werden, und dann einfach im Schuppen lagern. Wir können vermutlich allein mit unserem Privatwerkzeug die Welt retten.
Seit „Lieder ohne mich“ von 2013 und „Alles vor dem Aber“ sind einige Jahre vergangen. Wenn du den Roger Stein dieser früheren Veröffentlichungen mit dem Künstler vergleichst, der heute „Ist es nicht schön hier“ veröffentlicht, wo erkennst du die größte künstlerische Veränderung, und welche Haltung möchtest du auf keinen Fall verloren haben?
Dieses Album ist akkustischer, unmittelbarer, weniger gemacht, mehr “passiert”.
Es ist sehr handgemacht. Bei früheren Alben habe ich teilweise viel mehr im Studio gearbeitet, Dinge öfter aufgenommen, geschnitten und verändert. Bei diesem Album haben wir uns viel stärker darauf verlassen, was in dem Moment passiert. Tatsächlich gibt es keinen Track, der mit mehr als drei Takes aufgenommen wurde. Es gibt erstaunlich wenig Schnitte und nur ein paar Eff-Eff-Eff-Effekte 😉 – bei „Fachkräftemangel“ zum Beispiel, aber da gehören sie auch hin. Ansonsten ist das Album unglaublich unmittelbar. Man hört die Finger, das Handwerk, man hört das Zusammenspiel unser gemeinsames Atmen. Denn was ich auf keinen Fall verlieren möchte, ist genau das: Das Wunderbare, das Unmittelbare. Die KI kann nämlich Fehler sehr schlecht ersetzen und Lebendigkeit auch, und den Moment des “Menschseins”, auch den Moment des “Unwahrscheinlichen” und den Moment des “unwahrscheinlichen Fehlers”, den haben wir der KI voraus. Vielleicht sollten wir überhaupt mehr unwahrscheinliche Lieder schreiben 🙂
Deine Arbeit bewegt sich zwischen Literatur, Musik, Kabarett und Gesellschaftsbeobachtung. Wenn du selbst einmal nicht auf der Bühne stehst und niemand etwas von dir erwartet, wo findest du heute noch Situationen, in denen du einfach neugierig sein kannst, ohne sofort darüber nachzudenken, ob daraus ein Text oder ein Lied entstehen könnte?
Die Frage ist zuerst einfach: Am See oder auf dem Berg. Und ich glaube, immer dann, wenn man wieder fasziniert in das Werk einer oder eines anderen eintaucht, sei es bei einem Roman, bei eine Lyrikband oder auch bei Musik. Und es ist wichtig neugierig zu bleiben, offen zu bleiben. Ich möchte das Staunen nicht verlieren. Und ja, natürlich denke ich dann nicht erst darüber nach, was ich machen könnte. Sondern ich freue mich an dem Moment über schöne Dinge noch staunen zu können. Manchmal sind das künstlerisch belangvolle und manchmal ist es vielleicht auch nur eine Schneeflocke.
Mit dem Album beginnt im September auch das neue Livekapitel. Welche Tourpläne stehen bereits fest, wie möchtest du die zwölf miteinander verbundenen Songs auf die Bühne übertragen und was soll sich nach dieser Veröffentlichung für Roger Stein künstlerisch als Nächstes öffnen?
Bei den letzten Alben hatte ich immer prallvolle Tourpläne. Aber bei mir dauert es offenbar ein bisschen, bis alle mitbekommen haben, dass ich ein neues Album habe. Das heisst: Ich hab die Tour gespielt und danach ist dann durchgesickert, dass ich ein neues Album habe. Deshalb plane ich die meisten Termine diesmal erst für 2027. Das ist jetzt einfach mal ein Versuch: mehr Vorlauf und vielleicht etwas mehr Zeit, damit das Album überhaupt erst einmal bei den Leuten ankommen kann. Und natürlich muss man auf der Bühne eine gute Mischung zwischen alten und neuen Songs finden.
Aber: ich komme am 30. März 2027 mit dem Trio ins Kulturfenster Heidelberg; 29. Januar 2027 in den Kulturkeller Heilbronn und am 30. Januar 2027 ins Schatzkistl Mannheim.
Roger, vielen Dank für deine Zeit und für die Einblicke in die Gedanken, Beobachtungen und kreativen Prozesse hinter „Ist es nicht schön hier“. Wir wünschen dir für die Veröffentlichung am 4. September 2026, die kommenden Konzerte und den Weg des neuen Programms ein aufmerksames Publikum, spannende Begegnungen und vor allem viele Menschen, die bereit sind, genauer hinzusehen. Alles Gute für das neue Album und die Tour.
Interview by CK
Bild: Roger Stein © Simona Bednarek














