Klaus Meine und die Scorpions am 19. März 2016 während der 50th Anniversary World Tour in der SAP Arena Mannheim

Scorpions in Mannheim: 50 Jahre Rockgeschichte – ein Abend, der die SAP Arena zum Beben brachte

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Der Vorhang mit dem Scorpions-Logo hebt sich, die gewaltigen Videoflächen erwachen und wenige Augenblicke später steht eine Band auf der Bühne, die zu diesem Zeitpunkt bereits ein halbes Jahrhundert Rockgeschichte hinter sich hat. Von Altersruhe ist am 19. März 2016 bei den Scorpions in Mannheim allerdings wenig zu spüren. „Going Out With a Bang“ eröffnet den Abend, unmittelbar danach greifen „Make It Real“ und „The Zoo“ tief in den Katalog. Rund 11.000 Fans füllen die ausverkaufte SAP Arena und feiern mit Klaus Meine, Rudolf Schenker, Matthias Jabs, Paweł Mąciwoda und James Kottak die „50th Anniversary World Tour“.

Das Jubiläum ist dabei weit mehr als ein nostalgischer Blick zurück. Mit „Return to Forever“ haben die Scorpions erst 2015 ein neues Studioalbum veröffentlicht, dessen Songs selbstverständlich ihren Platz in der Show bekommen. Alte Klassiker und neues Material stehen direkt nebeneinander. Genau das macht den Abend stark: Hier versucht niemand, eine Karriere feierlich ins Museum zu stellen. Die Scorpions spielen, als gäbe es noch genügend nächste Kapitel.

Beyond the Black nutzen ihr Mannheimer Heimspiel

Bevor die Jubiläumsreise beginnt, gehört die große Bühne Beyond the Black. Für die Symphonic-Metal-Band ist Mannheim ein Heimspiel, und Frontfrau Jennifer Haben nutzt die Gelegenheit mit sichtbarer Energie. Mal steht sie am Mikrofon, dann am Keyboard oder mit Akustikgitarre auf der Bühne. Dunkle Gitarren, orchestrale Elemente und große Melodien passen erstaunlich gut als Einstieg für einen Abend, dessen Headliner zwar aus einer anderen Generation stammen, aber ebenfalls nie Berührungsängste mit großen Refrains hatten.

Beyond the Black befinden sich Anfang 2016 selbst mitten in einer wichtigen Phase. Das zweite Album „Lost in Forever“ ist gerade erschienen. Der Titelsong trifft im damaligen Tourprogramm auf Stücke wie „In the Shadows“, „Written in Blood“ und „Songs of Love and Death“. Selbst eine Version von Motörheads „Love Me Forever“ gehört bei den Shows dieser Tourphase zum Set. Aus einem gewöhnlichen Supportslot wird so eine kompakte Metalshow, die das Publikum früh auf Betriebstemperatur bringt.

Dann wird umgebaut. Das Scorpions-Logo erscheint. Die Halle wartet.

Von „The Zoo“ tief zurück in die Siebziger

Nach dem druckvollen Auftakt wird schnell deutlich, wie breit die Jubiläums-Setlist angelegt ist. Bei „Coast to Coast“hängt sich Klaus Meine selbst die Gitarre um, während Rudolf Schenker und Matthias Jabs die Bühne bearbeiten. Kurz darauf führt ein Medley mit „Top of the Bill“, „Steamrock Fever“, „Speedy’s Coming“ und „Catch Your Train“ weit zurück in die Siebzigerjahre. Songs aus einer Phase, in der viele Zuschauer an diesem Abend noch nicht einmal geboren waren.

Trotzdem wirkt dieser Rückblick nicht wie Geschichtsunterricht. Die Übergänge sind knapp, Gitarren und Rhythmussektion halten den Druck hoch. Dazwischen steht mit „We Built This House“ wieder ein Stück von „Return to Forever“. Der Song fügt sich problemlos zwischen das ältere Material. Nach fünf Jahrzehnten haben die Scorpions längst ihren eigenen musikalischen Dialekt entwickelt. Ob ein Riff aus 1977 oder 2015 stammt, hört man. Fremd wirkt keines davon.

Matthias Jabs bekommt anschließend bei „Delicate Dance“ seinen eigenen Moment. Die Gitarre übernimmt, während sich das Konzert langsam auf eine ruhigere Phase zubewegt.

Plötzlich stehen die Scorpions mitten im Publikum

Für das Akustikmedley rückt die Band weit nach vorne. „Always Somewhere“, „Eye of the Storm“ und „Send Me an Angel“ nehmen der großen Arenaproduktion für einige Minuten die Härte. Musiker und Publikum kommen sich dabei ungewöhnlich nah, die Distanz der SAP Arena schrumpft plötzlich zusammen.

Dann dieses Pfeifen.

Bei „Wind of Change“ braucht Klaus Meine kaum Unterstützung. Schon das Intro reicht, und die Stimmen kommen von allen Seiten zurück. Ein Song, der seit Beginn der Neunziger untrennbar mit den Scorpions verbunden ist und auch 2016 seine Wirkung nicht verloren hat. Tausende singen den Refrain, während Rudolf Schenker immer wieder bis an den Bühnenrand kommt.

Sentimental bleibt der Abend trotzdem nicht lange. „Rock ’n’ Roll Band“, „Dynamite“ und „In the Line of Fire“ holen die Gitarren zurück. Die SAP Arena wird wieder lauter.

James Kottak fährt mit seinem Schlagzeug nach oben

Für einen der spektakulärsten visuellen Momente sorgt James Kottak. Während seines Solos „Kottak Attack“ hebt sich das komplette Drum-Riser immer weiter über die Bühne. Kottak trommelt hoch über seinen Bandkollegen, Lichtstrahlen ziehen durch die Arena und aus dem Schlagzeugsolo wird eine eigene kleine Show.

Überhaupt ist die Produktion groß gedacht. Videowände ziehen sich über weite Teile der Bühne, Licht und Projektionen wechseln mit jedem Song ihre Wirkung, ohne die Musiker dahinter verschwinden zu lassen. Rudolf Schenker bearbeitet seine Flying V mit der bekannten Mischung aus breitem Grinsen und permanenter Bewegung, Matthias Jabs setzt die melodischeren Gitarrenlinien daneben. Klaus Meine hält die Mitte zusammen.

Dann kommt „Blackout“.

Jetzt geht es endgültig Richtung Schlussphase. Direkt danach folgt „Big City Nights“, und die Arena singt erneut mit. Die Scorpions verabschieden sich zunächst.

Natürlich glaubt ihnen niemand.

„Still Loving You“ und ein Hurricane zum Finale

Die Zugabe beginnt mit „Still Loving You“. Licht wird ruhiger, der große Rockabend bekommt noch einmal eine jener Balladen, die bei den Scorpions nie wie ein Fremdkörper wirken. Klaus Meine lässt sich im Refrain von Tausenden Stimmen tragen, während Rudolf Schenker seine Flying V am Bühnenrand in Position bringt.

Danach bleibt nur noch eine Richtung.

„Rock You Like a Hurricane“.

Konfetti fliegt durch die SAP Arena, die Gitarren ziehen noch einmal an und aus dem 50-jährigen Jubiläum wird zum Abschluss eine einzige große Rockparty. Die Mannheimer Setlist spannt an diesem Abend den Bogen von den Siebzigern bis zum damals aktuellen „Return to Forever“ und endet mit genau jenem Song, der seit 1984 zu den unvermeidbaren Höhepunkten jeder Scorpions-Show gehört.

50 Jahre Bandgeschichte hätten genügend Anlass für einen langen Rückblick geboten.

Die Scorpions entscheiden sich für die bessere Variante.

Sie drehen die Verstärker auf.

Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures

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