Tänzer von Pilobolus bei Shadowland 2 am 7. Februar 2017 im Rosengarten Mannheim

Shadowland 2 in Mannheim: Wenn Schatten lebendig werden

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Ein Körper verschwindet hinter einer Leinwand. Sekunden später steht dort kein Mensch mehr, sondern ein riesiger Vogel. Arme werden zu Schnäbeln, Beine zu Ästen, mehrere Tänzer formen plötzlich eine Maschine. Gestern Abend, am 7. Februar 2017, gastierte die US-amerikanische Tanzkompanie Pilobolus mit „Shadowland 2 – Das neue Abenteuer“ im Rosengarten Mannheim. Was auf der Bühne entsteht, lässt sich nur schwer in eine einzelne Schublade stecken: Tanz, Akrobatik, Theater, Film und Schattenspiel greifen ständig ineinander.

Gerade aus der Nähe ist verblüffend, wie wenig es manchmal braucht. Eine Lichtquelle. Eine Leinwand. Zwei oder drei Körper. Und plötzlich sieht das Auge etwas völlig anderes.

Aus Menschen werden Tiere, Maschinen und ganze Landschaften

„Shadowland 2“ erzählt eine neue Geschichte und setzt nicht einfach die Bilder der ersten Produktion noch einmal zusammen. Ausgangspunkt ist eine kühle Arbeitswelt voller Kartons. Menschen stapeln Kisten, alles wirkt streng geordnet. Bis eine davon geöffnet wird.

Darin steckt etwas, das dort offensichtlich nicht hingehört.

Ein seltsames Vogelwesen wird zum Ausgangspunkt einer Reise, bei der ein Wärter und eine junge Frau immer tiefer in die Welt hinter den Leinwänden geraten. Von diesem Moment an verliert die Bühne ihre festen Grenzen. Was eben noch Fabrik war, wird wenige Augenblicke später Dschungel, Straße oder eine vollkommen fremde Maschinenwelt.

Die Tänzer arbeiten dabei ständig mit der Wahrnehmung. Ein Körper allein ergibt zunächst kaum etwas. Dann kommt ein zweiter dazu, noch ein Arm verschiebt sich, jemand kniet sich dahinter.

Plötzlich steht da ein Tier.

Genau dieser kurze Moment zwischen „Was machen die da?“ und „Ach, verdammt!“ gehört zu den stärksten Augenblicken des Abends.

Mehrere Leinwände machen die Bühne größer

Gegenüber „Shadowland“ hat Pilobolus die Technik deutlich erweitert. Diesmal gibt es nicht nur eine große Projektionsfläche. Mehrere Screens bewegen sich durch den Raum und teilen die Bühne in unterschiedliche Ebenen. Reale Tänzer stehen vor einer Leinwand, ihre Schatten erscheinen dahinter, während an anderer Stelle gleichzeitig Animationen laufen.

Das kann ziemlich wild werden.

Manchmal weiß man für einige Sekunden tatsächlich nicht mehr, wohin man zuerst schauen soll. Genau darin liegt aber der Reiz. Schatten werden größer, verschwinden, tauchen auf einer anderen Fläche wieder auf. Menschen scheinen durch Räume zu laufen, die physisch gar nicht existieren.

Dabei bleibt die Technik Mittel zum Zweck. Entscheidend sind weiterhin die Körper der Tänzer.

Von meinem Platz aus lässt sich gut beobachten, wie exakt die Bewegungen aufeinander abgestimmt sein müssen. Ein Fuß ein paar Zentimeter zu weit links und aus dem Vogel würde vermutlich nur noch ein ziemlich merkwürdiger Schattenhaufen.

Passiert nicht.

Pilobolus erzählt fast ohne Worte

Gesprochen wird kaum. Die Geschichte entsteht über Körper, Bilder und Musik.

Das verlangt dem Publikum mehr Aufmerksamkeit ab als eine Show, die jede Handlung erklärt. Manche Szenen versteht man sofort. Andere bleiben bewusst schräg, beinahe traumartig. Ein Vogel, Menschen in Maschinenwelten, merkwürdige Gestalten und immer wieder Bilder, die schon verschwunden sind, bevor man sie vollständig erfasst hat.

Gerade deshalb bleibt man dran.

Pilobolus arbeitet seit Jahrzehnten mit der Idee, menschliche Körper zu neuen Formen zusammenzusetzen. Für „Shadowland 2“ stehen neun Tänzer im Mittelpunkt der Choreografie. Die Produktion entstand unter anderem mit Itamar Kubovy, Renée Jaworski und Matt Kent; Steven Banks entwickelte den Handlungsrahmen, David Poe steuerte Musik bei. Die Weltpremiere fand im Juli 2016 in Berlin statt, seit Januar ist die Produktion wieder auf Tour.

Diese Namen interessieren während der Vorstellung allerdings kaum.

Auf der Bühne zählt nur das Bild.

Der Schatten ist manchmal spannender als der Mensch

Besonders stark wird „Shadowland 2“ immer dann, wenn die Tänzer selbst fast vollständig verschwinden.

Vor der Leinwand sieht man noch einen Menschen. Dahinter nur eine schwarze Silhouette. Und trotzdem bekommt genau dieser Schatten plötzlich mehr Persönlichkeit als die reale Figur davor.

Ein Kopf bewegt sich. Ein Arm wird länger. Zwei Körper verschmelzen.

Dann entsteht wieder etwas Neues.

Der Rosengarten reagiert immer wieder mit spontanem Applaus, wenn eine dieser Verwandlungen besonders überraschend gelingt. Vieles ist akrobatisch beeindruckend, ohne dass Pilobolus daraus eine Zirkusnummer macht. Die körperliche Leistung steckt in der Geschichte und drängt sich nicht ständig selbst nach vorne.

Am Ende kehrt man aus dieser merkwürdigen Welt aus Kartons, Vögeln, Maschinen und Schatten zurück in einen ganz normalen Mannheimer Dienstagabend.

Nur schaut man auf den eigenen Schatten danach vielleicht ein bisschen genauer.

Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures

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