
Zwischen Körper und Code. KAMERA über Verletzlichkeit, Kontrolle und „Cyborg Love“
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Mit „Softness“ öffnet KAMERA die Tür zu einem Album, das sich mit Nähe, Identität und Technologie auseinandersetzt. Wir sprechen mit Felix Reisel über künstlerische Kontrolle, emotionale Offenheit und die Frage, wie viel Mensch in der Maschine steckt.
„Softness“ stellt Verletzlichkeit als Stärke dar. Was war der Ausgangspunkt für diesen Song?
Mir ist das Wort begegnet, und es hat mir sofort gefallen. Es beschreibt für mich – besser als „Sanftheit“ – einen Zustand der Durchlässigkeit und Wärme, der Teil des KAMERA-Universums ist. Erst habe ich versucht, über eine Liste von weichen Dingen zu einem Text zu kommen. Der wurde aber nie richtig fertig. Als mir auf einmal die Idee mit dem Vater-Sohn-Verhältnis kam, hat sich der Text wie von selbst geschrieben und die Sounds für die Umsetzung im Studio waren auch schnell gefunden.
Die Ansprache mit „Daddy“ fällt sofort auf. Was steckt hinter dieser Perspektive?
Schon immer hat mich die Begegnung mit harten und lauten Männern verunsichert. Auch bei meinem Vater habe ich die wenigen Momente geliebt, in denen er weich war. Ich hoffe, dass ich gegenüber meinem Sohn so oft es geht soft sein kann. Überhaupt stehen wir Erwachsenen in meinen Augen vor der Aufgabe, den Kindern Vorbilder begegnen zu lassen, deren Motivation zu handeln die Liebe ist.
Dein Sound wirkt sehr kontrolliert und präzise. Wie viel Planung steckt im Produktionsprozess und wie viel entsteht intuitiv?
Vieles entsteht intuitiv. Ich habe ein diffuses Klangbild im Kopf und mache mich auf die Suche nach Sounds, Grooves, Melodien. Und ich starte immer bei 0 und habe keine Referenzproduktion im Ohr. So versuche ich mich freizumachen und etwas neues zu kreieren. Der Eindruck von Kontrolle und Präzision ist wohl meinem künstlerischen Perfektionismus geschuldet.
Du verbindest Pop, Theater und elektronische Musik. Wo beginnt für dich ein Song und wo eine Inszenierung?
Theater etabliert eine eigene Welt, und KAMERA tut das auch. Mit Text, Klängen und auch in der visuellen Gestaltung. Der eigentliche Song ist die Basis, KAMERA ist die Bühnenfigur, die ihn mit Persönlichkeit, eigenem Vokabular und Stimme, mit Kostüm und Schminke innerhalb eines Klangkosmos interpretiert.
„Cyborg Love“ deutet ein klares Konzept an. War das Album von Anfang an als zusammenhängendes Werk gedacht?
Nein. Diese Songs und Produktionen habe ich die letzten drei Jahre gesammelt und sie dann für das Album kompiliert. Der rote Faden ist aber sicherlich das Eintauchen in die Welt KAMERAs, mit jedem Song etwas tiefer. Maschine und Mensch („Cyborg“) und Liebe („Love“) sind drei Grundpfeiler dieser Welt.
Deine Musik bewegt sich zwischen Mensch und Maschine. Wo siehst du aktuell die spannendste Reibung in diesem Verhältnis?
Die Maschine ist ein Werkzeug, um Prozesse zu optimieren. Sie bietet Chancen, das Leben für alle zu verbessern. Und sie hat eine besondere Ästhetik und bietet Raum für Poesie! Aber die Maschine wird auch missbraucht, um Profit für wenige zu generieren, siehe Algorithmen.
Und vor allen interessiert mich: Wir Menschen beseelen die Maschine und projizieren Emotionen in sie, zum Beispiel in einen Chatbot, weil wir nicht anders können. Wir sind limitiert und nicht in der Lage, außerhalb unserer menschlichen Kategorien zu denken. Und trotzdem sind wir der Überzeugung, das Prunkstück der Evolution auf Erden zu sein. Oder sogar gottgleich. In unserem Verhältnis zur Maschine zeigt sich unsere Hybris.
Du produzierst alles selbst. Welche Vorteile gibt dir diese Kontrolle und wo wird sie zur Einschränkung?
Der Vorteil ist, meine Vision nicht in Worte fassen zu müssen, um sie jemand anderem zu erklären. So kann ich intuitiv arbeiten. Und ich muss keine Kompromisse eingehen und bin nicht von anderen abhängig. Der Nachteil: Ich kann mich nur innerhalb meiner Limits bewegen und komme schwer darüber hinaus. Manchmal fehlt mir ein Gegenüber für einen Dialog. Und: der Prozess dauert lang. Oft probiere ich etwas aus und muss es ein paar Tage liegen lassen, weil ich es erst mit Abstand beurteilen kann. Wenn ich dann an einem ersten Endpunkt der Produktion angelangt bin, gibt mein Freund Kerim König, der hauptsächlich Filmmusik und Neoklassik komponiert, Feedback und fügt ggf. Elemente hinzu oder kürzt etwas raus. Wie ein Lektorat bei einem Buch.
Deine Texte sind direkt und persönlich. Wie entscheidest du, was du preisgibst und was privat bleibt?
Die Texte schreibe ich für die Figur KAMERA, aber sie haben einen Ausgangspunkt in meinen privaten Erfahrungen. Für KAMERA vergrößere ich die Emotionen. So entfernen sie sich von meinem tatsächlichen Leben und werden eher zu Rollentexten, wie sie auch einem Charakter in einem Film oder in einem Theaterstück in den Mund gelegt werden.
Du planst eigene performative Live-Formate und eine Konzertreihe. Wie wird sich „Cyborg Love“ auf der Bühne übersetzen?
Ich habe vor einiger Zeit die Musik-Performance „Cyborg Love“ entwickelt, die wie ein Musiktheaterstück funktioniert, ohne zusätzlichen Text, nur die Songs. KAMERA bewegt sich durch einen abstrakt gestalteten Raum, sehr spacy, und singt die Lieder, ergänzt durch Aktionen. Es gibt eine Human Beat Machine und eine Art Coming Out als Cyborg. Für die Performance haben Künstler-kolleg*innen ein Lichtkostüm entworfen. Das Kostüm und auch die Human Beat Machine sind nun auch Teil normaler KAMERA-Konzerte.
Die Konzertreihe ist eine „Tiny Desk Concerts“-artige Serie an kleinen Gigs im Zentrum für Kunst Bremen, bei denen ich als KAMERA Gastgeber bin und Musik-Acts vor Publikum und Video-Kameras empfange.
Wenn du auf deine Entwicklung von den frühen Projekten bis heute schaust. Was hat sich künstlerisch radikal verändert und was ist konstant geblieben?
Ich denke, ich habe meine eigene künstlerische Sprache gesucht und weiterentwickelt. Aber den Wunsch, ganze Welten zu schaffen, hatte schon der kleine Felix mit seinen Legosteinen.
Vielen Dank an dich, Felix, und an das gesamte Team hinter KAMERA für das Vertrauen und die Einblicke in eure Arbeit. „Softness“ setzt einen klaren Ton für „Cyborg Love“ und zeigt eine eigen-ständige künstlerische Position. Wir wünschen euch eine starke Resonanz auf die Single und eine erfolgreiche Albumveröffentlichung am 26. Juni 2026. Wir freuen uns auf die weitere Entwicklung und auf mögliche Gespräche rund um das Album.
Interview by CK














