Mit „We Are The Gods That Tear Ourselves Apart” veröffentlichen NECROTTED am 24. April 2026 ihr neues Konzeptalbum über Reaper Entertainment. Die erste Single Origin Of Human Sins legt die thematische Richtung offen. Kapitalismus als Ursprung moralischer Erosion. Gesellschaft als selbstzerstörerisches System.
Seit über 18 Jahren stehen NECROTTED für kompromisslosen Extrem Metal mit klarer politischer Haltung. Das neue Album wirkt fokussierter, reifer und noch entschlossener. Für dieses Interview haben wir mit Fabian Fink gesprochen, der die inhaltliche Ausrichtung und die konzeptionellen Überlegungen hinter dem Werk einordnet. Uns interessierte, wie viel strukturelle Analyse hinter der Wut steht und wie sich musikalische Radikalität unter heutigen Produktionsbedingungen und Diskursräumen weiterentwickeln lässt.
Der Albumtitel „We Are The Gods That Tear Ourselves Apart“ klingt nach kollektiver Selbstanklage. Wer ist dieses „Wir“ konkret. Gesellschaft, Szene oder Menschheit.
Fabian: Kollektive Selbstanklage beschreibt es tatsächlich sehr gut, bezogen auf die Menschheit und ihre Gesellschaften. Das neue Album behandelt menschliche Verfehlungen und reale politische und soziale Probleme, die allegorisch als böse Götter oder gottähnliche Wesen dargestellt werden. Diese repräsentieren jeweils eine oder mehrere klassische Todsünden, denen die Menschen durch ihr tägliches Handeln fast schon kultisch nacheifern und welche – abseits jeglicher Religionen – ihre wahren Götter darstellen. „We Are The Gods That Tear Ourselves Apart“ behandelt damit ferner die Apotheose der Menschheit, die Vergöttlichung ihrer selbst. Die Hybris der Menschen wird kritisch thematisiert, sich über die Natur, ihre Umwelt und andere Lebewesen zu stellen, aber auch sich untereinander zu schaden und gegenseitig auszubeuten.
„Origin Of Human Sins“ benennt modernen Kapitalismus als Kernproblem. Wie tief wolltet ihr politisch gehen. Gab es Grenzen, die ihr bewusst nicht überschritten habt?
Fabian: Wir sind seit jeher eine politische Band. Schon bei der Gründung 2008 war klar, dass wir die Musik auch als Ventil nutzen wollen, um Missstände anzuprangern und politische Botschaften zu setzen. Grenzen gibt es für uns in der Hinsicht daher keine.
Ihr arbeitet erneut als Konzeptband. Wann steht bei euch zuerst das inhaltliche Gerüst und wann die Musik?
Fabian: Das geschieht mehr oder weniger parallel. Während mein Bruder Philipp und Johannes sich um den instrumentalen Teil des Songwritings kümmern, erstelle ich ein breit angelegtes inhaltliches Konzept, das sich nach und nach in immer mehr Details gliedert. Die einzelnen Lyrics für die Songs muss ich am Ende dann gefühlt nur noch niederschreiben und auch für das Artwork ergeben sich schon konkrete Vorstellungen.
Das Album verbindet Death Metal, Black Metal, Slam und Core. Wie verhindert ihr, dass Genrevielfalt beliebig wirkt?
Fabian: Ich denke, wir haben schon immer über Schubladen hinweg gedacht und alle möglichen Spielarten des extremen Metals und Cores in unsere Musik einfließen lassen. Wir machen das, worauf wir Bock haben. Ohne Rücksicht auf Genregrenzen.
Die Produktion ist extrem präzise und transparent. Was war euer Anspruch an Marco Bayati beim Recording?
Fabian: Marco ist ein spitzenmäßiger Produzent, der wirklich das Beste aus unseren Songs herausgeholt und uns auch als Musiker zu unseren Höchstleistungen getrieben hat. Wir hätten uns keinen besseren Produzenten für das neue Album vorstellen können. Er hat sämtliche Erwartungen übertroffen und wir sind super zufrieden mit seiner Arbeit.
Ihr integriert deutsche und lateinische Passagen in die englischen Texte. Welche Funktion haben diese Sprachwechsel dramaturgisch?
Fabian: Das hat weniger dramaturgische, sondern eher stilistische Gründe. Manche Textpassagen lassen sich besser in Englisch, andere besser in Deutsch und ganz andere auch am besten in Latein ausdrücken. Hinzukommt, dass die Sprachen auch jeweils einen unterschiedlichen Klang aufweisen und somit passend zur jeweiligen Musikrichtung eines Songs oder auch nur eines einzelnen Riffs ausgewählt werden können. Bei Black Metal-Passagen verwende ich beispielsweise gerne die deutsche Sprache.
Nach fünf Alben und zwei EPs: Wo seht ihr eure größte Entwicklung seit „Imperium“ von 2023?
Fabian: Ich glaube, das gibt es nicht die eine große Entwicklung. Jedenfalls könnte ich sie nicht benennen. Vielmehr würde ich unsere Entwicklung als Prozess beschreiben. Wir wissen mittlerweile einfach, was wir wollen. Und unsere Fans wissen, was sie von uns bekommen und von uns erwarten können. Kein Album hat sich für uns jedenfalls bislang so reif angehört und angefühlt wie „We Are The Gods That Tear Ourselves Apart“.
Eure Texte greifen Machtstrukturen frontal an. Wie geht ihr mit der Erwartungshaltung um, als politische Band gelesen zu werden?
Fabian: Ich hoffe doch, dass wir als politische Band gelesen werden! Kunst wird und wurde auch schon immer dazu benutzt, politische Meinungen zu äußern. Das tun wir ebenfalls und wir wollen auch, dass das bei den Leuten ankommt, die unsere Musik hören und unsere Konzerte besuchen. Und auch wenn man natürlich nicht bei jedem Thema voll und ganz unserer Meinung sein muss, sollte doch zumindest klar sein: Rassismus, Sexismus, Homophobie, Transfeindlichkeit und jegliche andere Formen der Ausgrenzung und Diskriminierung haben weder in der Szene noch generell in der Gesellschaft etwas verloren!
Live geltet ihr als Ausnahmeerscheinung im Extreme Metal. Wie wollt ihr die Dichte dieses Albums auf die Bühne übertragen?
Fabian: Tja, da müsst ihr schon eine unserer Shows besuchen und euch überraschen lassen. Glücklicherweise sind wir 2026 ja ganz gut unterwegs. 😉
Wenn Hörerinnen und Hörer das Album komplett durchlaufen lassen: Welche Erkenntnis oder welches Gefühl soll bleiben?
Fabian: Darüber habe ich mir ehrlich gesagt bislang noch keine Gedanken gemacht. Wenn am Ende bei den Hörerinnen und Hörern jedoch zumindest das Gefühl bleibt, mit ihren Sorgen und Gedanken zur aktuellen (welt)politischen und gesellschaftlichen Situation nicht alleine zu sein, wäre das schon viel wert. Politik und Gesellschaft sind menschengemacht und können von Menschen verändert werden. Wir müssen nur den Mut dazu haben und die Kraft dafür aufbringen, es tatsächlich auch zu tun.
Wir danken NECROTTED für ihre Konsequenz, ihre Haltung und ihren Mut zur klaren Position und ausdrücklich Fabian Fink für die präzisen Einblicke in Entstehungsprozess, Haltung und Anspruch des Albums. „We Are The Gods That Tear Ourselves Apart“ ist ein starkes, unbequemes Werk, das Diskussionen auslösen wird.
Als Verlag CityGuide Rhein Main Neckar Pfalz wünschen wir NECROTTED eine starke Veröffentlichung am 24. April 2026, intensive Liveshows und die Reichweite, die dieses Album inhaltlich wie künstlerisch verdient.
Interview by CK
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