
Zwischen Jazzarchiv und Clubnacht. Pit Baumgartner über „belooped“, musikalische Verantwortung und den Groove der Zukunft
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Mit „belooped“ öffnen De-Phazz das legendäre MPS-Archiv und verbinden Jazzgeschichte mit elektronischer Gegenwart. Für das Projekt restaurierte Pit Baumgartner Aufnahmen von Oscar Peterson, Ella Fitzgerald oder George Duke und überführte sie behutsam in den De-Phazz-Kosmos. Im Interview spricht er über Respekt vor musikalischen Ikonen, kreative Grenzen und die Frage, wie viel Zukunft in alten Aufnahmen steckt.
Du sprichst bei „belooped“ bewusst von Restaurierungen statt Remixen. Wo liegt für dich der entscheidende Unterschied?
P.B.: Nehmen wir bspw. „This girl…“ von Ella Fitzgerald, bei diesem Titel bleibe ich stark bei der ursprünglichen Song-Struktur, bis auf wenige Dopplungen; da würde ich von Restauration sprechen. Bei anderen Nummern, wie bspw. „Shelda“/Smoke, wird das Arrangement aufgebrochen und die Atmosphäre bzw. Stimmung (Ambience) tritt mehr in den Vordergrund;
Da würde dann der Begriff „Re-Mix“ besser passen.
Wie groß war der Respekt, als du zum ersten Mal Zugriff auf das MPS-Archiv bekommen hast?
P.B.: Für mich als Collagen- bzw. Sample-Artist ist das natürlich der „goldene Schlüssel“ zur
Schatzkammer. Klar, Respekt und Verantwortung spielen eine große Rolle, genauso groß war aber auch meine Neugier, auf das, was sich mit diesem wohlklingenden „Baukasten“ alles anstellen lässt. An dieser Stelle noch mal großen Dank an MPS/Edel für die grundsätzliche
Freiheit, die man mir lies.
Viele Produzenten würden bei solchem Material radikaler eingreifen. Warum war dir Zurückhaltung wichtig?
P.B.: Manchmal bestand die Kunst darin, eher weg zu bleiben, oder bereits vorhandenes
nur herauszuarbeiten (geile, tragende loops zu finden). Vielleicht ist meine Zurückhaltung der
Tatsache geschuldet, dass es mir immer nur um den jew. Song und dessen Weiterentwicklung ging und weniger um mich; ich bin dann mehr DJ, der sich ein individuelles Programm bastelt.
Außerdem generell ein Freund der leisen Töne und low beats.
Jazz gilt oft als traditionsbewusst. Hattest du Sorge vor Gegenwind aus der Szene?
P.B.:….im Sinne von „What have they done to my song, Ma”, kann ich mir schon einiges Stirnrunzeln vorstellen, aber es gibt ja nach wie vor die Originale ….alles noch da, niemand
verletzt.
Welche Aufnahme aus dem MPS-Katalog hat dich emotional oder musikalisch am meisten überrascht?
P.B.: Bei „Wave“/Peterson oder „Shelda“ bekomme ich Gänsehaut, aber ich liebe auch den angestaubten vintage Raggae von Ernest Ranglin oder Monty Alexander und die Stimmen von Singers Unlimited sind heavenly…wo fang ich an, wo hör‘ ich auf?
De-Phazz standen immer zwischen Lounge, Jazz und Elektronik. Wie blickst du heute auf dieses Genreverständnis?
P.B.: Schubladen haben den Vorteil, dass man schneller findet, was man sucht; ich fühle mich
recht wohl in meiner „Lounge-Jazz-Dingens-Sparte“, aber nach über zwei Jahrzehnten stolpert
man über De-Phazz auch in fast jeder anderen Ecke des Musikzimmers (BigBand, NuClassic). De-Phazz hat sich immer mehr zu einer Plattform gewandelt, auf der sich eine Menge großartiger Musikerfreunde ausprobieren können. Ich schätze mich glücklich, auf deren Kunst zurückgreifen zu dürfen.
Auf „belooped“ treffen analoge Aufnahmen auf moderne Produktionsmittel. Was kann digitale Technik heute besser und was vielleicht auch schlechter?
P.B.: Digital ist natürlich ein komfortables Arbeiten mit hohem Tempo. Ich habe allerdings auch noch gelernt, mit viel Freude am Tonband zu schneiden, habe mein „Holger Czukay-Fernstudium“ absolviert und ansonsten alle neuen Musik-Tools über die Jahre immer als Spielzeuge betrachtet, die meiner musikalischen Verwirklichung dienen; erst analog, dann digital, who cares?
Am Ende geht es doch immer nur um den Song, egal woher und wie, und das Ohr auf das er trifft.
Bei KI bin ich mir allerdings erstmals nicht ganz sicher, ob ich das Spielzeug bin?!
Gerade jüngere Hörer entdecken Jazz oft über Playlists und Sampling. Ist „belooped“ auch ein Versuch, Brücken zwischen Generationen zu bauen?
P.B.:…kann man so sehen. Nennen wir es „Instand-Jazz“, für den kleinen Hunger zwischendurch.
Meine persönliche Erzählung: Nehmen wir an, KI ist Diebstahl in großem Stil und auf allen Ebenen; damit relativiert sich meines Erachtens die komplette Sample-Urheber-Problematik.
Ich kenne z.B. jeden Ton-Splitter, jedes Sample in meinem Archiv persönlich, habe sie mit viel Sorgfalt auf dem Recycling-Hof der Musikgeschichte aufgesammelt und poliert; immer auch eine Hommage und Verneigung vor dem Urheber….und dann kommt dieses „schwarze KI-Loch und saugt alles auf“ (Brian Eno) …seelenlos.
Also die richtige Entscheidung von MPS/Edel, den kleinen, individuellen Überzeugungstätern und „Sample-Gangstern“ wie mir, aus der Illegalität zu helfen und sie zu Companions zu machen.
„belooped“ ist wie KI, nur mit Muse, Seele und Geschmack.
Wie stark verändert sich ein Song für dich, sobald neue Stimmen oder Instrumente dazukommen, wie etwa bei Sandie Wollasch oder Joo Kraus?
P.B.: Ein Song wie Dukes „Capricorn“, mit Joo, ist wohl die schwerste Übung, weil geschmacklich
evtl. heikel. Diese Frage könnte ein tonsicherer George Duke Fan besser beantworten.
Für uns war es eher ein Voodoo-Spiel mit der Zeit, man fährt mit in einem Oldtimer, oder fügt einer bemalten Wand ein neues Grafitty hinzu…Karaoke auf höchstem Niveau 😉
Wird „belooped“ auch live auf die Bühne kommen und falls ja, wie lässt sich dieses komplexe Archivprojekt live übersetzen?
P.B.: Nix geplant.
Vielen Dank für die Zeit, die Offenheit und das Vertrauen. „belooped“ ist kein gewöhnliches Remixprojekt, sondern eine kluge und musikalisch sehr respektvolle Verbindung aus Jazzgeschichte und Gegenwart. De-Phazz zeigen, dass Archivmaterial nicht stillstehen muss, um seine Würde zu behalten. Wir wünschen euch eine erfolgreiche Veröffentlichung, starke Reaktionen auf das Album und viele besondere Konzertmomente mit diesem außergewöhnlichen Projekt.
Interview by CK
P.B.: Merci, danke fürs Interesse, war mir ein Vergnügen
Bild: Pit Baumgartner © Claus Geiss














