
Zwischen Stille, Surf-Vibes und Vergänglichkeit. Christian Hansen sucht das Gleichgewicht im Chaos
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Mit „TALES OF LIGHT & other stories“ veröffentlicht Christian Hansen eine intime Indie-Folk-EP zwischen innerer Unruhe, Reflexion und vorsichtiger Hoffnung. Im Gespräch spricht er über Reduktion, Rhythmus, kreative Isolation und die Suche nach Balance in einer lauten Welt.
Deine neue EP wirkt deutlich persönlicher und ruhiger als frühere Veröffentlichungen. War das eine bewusste Entscheidung oder eher ein natürlicher Prozess?
Ich denke, beides spielt mit rein. Seit ich denken kann, wollte ich immer Teil einer Band sein. Leider hat sich das lange nicht ergeben. Bei der Produktion des Albums „CIRCLES & WAVES“ lag der Fokus darauf, das Spektrum aufzuzeigen, in dem ich mich musikalisch bewegen möchte, um andere Musiker:innen mit gleichen Vorlieben zu finden. Ich bin extrem dankbar, dass diese Idee mit der Gründung von Comeback Jerry aufgegangen ist. Vielleicht sehnte ich mich als Songwriter im Zuge dessen tatsächlich ein wenig nach ruhigeren Tönen. Insbesondere werden Songs aber natürlich von den Themen geformt, aus denen sie wachsen: Wenn mich leise Gefühle beschäftigen, schreibe ich leise Songs.
Viele Songs leben von Reduktion. Hattest du jemals Angst, musikalisch zu wenig zu machen?
Zu wenig zu machen ist eine Sorge, die viele Musiker:innen teilen, denn Indie-Artist zu sein, bedeutet mindestens acht Jobs gleichzeitig zu machen. Aber beim Songwriting treibt mich dieser Gedanke nicht um. Ich denke, dass Songs umso stärker werden, je mehr sie auf ihre ein oder zwei Kernideen konzentriert sind. Und ich liebe diesen Prozess des Herausfindens, welche es bei jedem neuen Song sind.
Der Einfluss von Kalifornien ist weiterhin hörbar. Was fasziniert dich bis heute an diesem Sound zwischen Surf, Soul und Weite?
Ich denke, es gibt hier zwei Antworten. Der eine Teil ist, dass mich am Soul vor allem die Rhythmik und die Ehrlichkeit der Künstler:innen inspirieren. Der andere Teil ist, dass Musikrichtungen für mich oft mit bestimmten Landschaften oder Umgebungen verbunden sind. Und ich liebe den Strand, den Ozean, Wälder, die Berge, die Wüste. Alles Landschaften, die sehr prominent in Kalifornien, aber natürlich nicht nur da, vorkommen. Ich glaube, ich bin nicht der Einzige, dem das so geht. Denn viele der Musiker:innen, aus deren Musik diese Landschaften zu mir sprechen, hört man auch aus den Vans der Surfer am Strand in Kalifornien genauso wie in Europa, Australien oder Marokko.
„Cold As Steady Cold“ fällt rhythmisch und emotional aus dem Rahmen. Warum war genau dieser Song wichtig für die EP?
Der Text zu “Cold As Steady” wartete schon lange in meinem Notizbuch auf seine Verwendung. Und auch die Melodie dazu hatte ich bereits im Kopf. Erst als ich mich Weihnachten ans Klavier meiner Mutter setzte und den Song das erste Mal bewusst spielte, merkte ich, dass ich ihn im 5/4-Takt geschrieben hatte. Der Teil war also Zufall. Als die EP entstand, empfand ich ihn als perfekte Ergänzung. Er zeigt gewissermaßen die emotionale Kehrseite der anderen Songs. Denn so sehr man sich Akzeptanz für Veränderungen wünscht, so wahr ist auch, dass sie schmerzt, dass Verlust weh tut, dass er Fragen und Zweifel aufwirft.
Deine Texte beschäftigen sich stark mit Vergänglichkeit und innerer Unruhe. Schreibst du eher aus konkreten Erfahrungen oder aus Beobachtungen heraus?
Beides spielt für mich eine Rolle. Ich bin definitiv ein eher rastloser Typ Mensch. Gleichzeitig nehme ich die Welt als Ganzes auch als unwahrscheinlich unruhig wahr und beobachte, dass Hass, Ungerechtigkeit, Klimawandel und stundenlange Bildschirmzeiten nicht nur bei mir diese Tendenz verstärken. Mich interessiert es, wie ich persönlich und wir gesellschaftlich, uns mehr Ruhe, Klarheit und Resilienz erkämpfen können.
Auf der EP steckt viel Ruhe. Gleichzeitig wirkt darunter ständig Spannung. Wie findest du dieses Gleichgewicht beim Songwriting?
Danke schön! Dass jedes und alles im Leben immer mindestens zwei Seiten hat, finde ich ein super spannendes Thema, das mich grundsätzlich viel beschäftigt. Ich habe in meinem „anderen Leben“, d. h. außerhalb der Musik, immer wissenschaftsnah gearbeitet, was diese Neigung sicherlich noch nährt. Aber es war mir auch gerade in Bezug auf das Hauptmotiv der Vergänglichkeit auf der EP ein Anliegen, genau diese Ambivalenz aufzugreifen. Der Ruhe, die es braucht, um einen Umgang mit Veränderung zu finden, wollte ich die Spannung oder auch Anspannung entgegensetzen, die man dabei empfindet. Insofern freue ich mich, wenn das offenbar gelungen ist.
Du hast während der Pandemie auf dem Dachboden deiner Großmutter aufgenommen. Wie stark prägt dieser Ort heute noch deine Musik?
Ich bin nach wie vor sehr gerne dort! Ich habe da zwar länger nicht mehr aufgenommen, aber es steht immer noch Equipment dort und auch im Garten sitze ich immer noch sehr gerne am Teich und höre den Vögeln zu. Beides ist ein kleines Refugium vor dem hektischen, lauten Stadtleben.
Welche Rolle spielt Rhythmus heute für dich als Musiker mit Schlagzeug-Background?
Rhythmus spielt nach wie vor eine große Rolle für mich. Wenn ich zum Beispiel auf Konzerte gehe, hängen meine Augen und Ohren nach wie vor oft auf dem Drummer. Aber ich liebe es auch, beim Produzieren mit Rhythmen zu spielen. In der Band bemühe ich mich wiederum, unserem Schlagzeuger nicht zu viel reinzureden – und hoffe, dass er das unterschreiben würde!
Viele Indie-Folk-Produktionen klingen mittlerweile sehr glatt. Deine Songs behalten dagegen Ecken und Luft. Wie wichtig ist dir Unperfektion?
Ich nehme mir nicht explizit vor, „Unperfektion“ in Produktionen einzubauen. Aber Nahbarkeit und Intimität sind mir sehr wichtig. Und gerade auf dieser sehr reduziert produzierten EP wollte ich ihnen besonders Platz einräumen.
Wird man die neue EP auch live erleben können? Und falls ja, eher intim und reduziert oder mit voller Band?
Definitiv! Es stehen zunächst in Berlin ein paar Konzerte an. Am 12.06. findet eine kleine Release-Party statt, auf der die EP live und intim vorgestellt wird, aber ich auch mit Comeback Jerry gemeinsam ein Set spielen werde und ein bisschen Zeit zum Feiern im Anschluss sein wird. Am 13.06. spielen wir mit der Band im Volkspark Rehberge und am 21.06. auf der Fetê de la Musique in meinem Heimatkiez im Wedding. Im Winter und Frühling ist der Plan, auch auswärts ein paar Konzerte zu spielen. Für mehr Infos oder für Vorschläge und Wünsche, wo wir spielen sollen, kommt immer gerne auf meinem Instagram-Kanal vorbei.
Vielen Dank für deine Offenheit und das Vertrauen. „TALES OF LIGHT & other stories“ ist eine ruhige, aber intensive Veröffentlichung mit viel Atmosphäre und einer klaren künstlerischen Handschrift. Wir wünschen dir eine starke Resonanz auf die EP, erfolgreiche Konzerte und weiterhin die Freiheit, deinen eigenen musikalischen Weg konsequent weiterzugehen.
Interview by CK














