1. Catharina, dein neues Album heißt „Aha. Ok. Let’s Surf The Planet.“ – was bedeutet für dich persönlich dieses Bild vom „Surfen durchs Universum“?
Haha, wie schön. Du sprichst vom Universum, ich von unserem Planeten, der Erde. Aber ich verrate dir was: Für mich surfe ich mit meiner Gang im Weltraum und schaue aus dem warmen Dunklen auf unsere Welt. Auf diese wunderschöne, blaue Kugel mit all den unterschiedlichen Ländern, den Menschen, der fantastischen Natur. Und es macht so einen Spaß, überall hin zu reisen, sich zwischen verschiedenen Ländern hin und her zu bewegen.
2. Dein kreativer Ansatz, Musik im Moment entstehen zu lassen, unterscheidet sich stark vom klassischen Aufnahmeprozess. Was reizt dich daran, diese Unsicherheiten und Überraschungen bewusst zu suchen?
Die Fallhöhe. Wenn es kein doppeltes Netz gibt, musst du Alles geben. Du bist gezwungen, nichts zurückzuhalten. Mich reizt die emotionale Radikalität, wenn du außerhalb deiner Komfortzone bist. Die rohen, noch neuen Gefühle beim Songwriting tun der Musik gut. Sie haben sich noch nicht abgenutzt, durch wieder und wieder bearbeitet werden. Und dann ist da das organische, lebendige Vibrieren, diese Energie, die bei der Liveaufnahme entsteht, die direkt festgehalten wird und sich hoffentlich auf die Zuhörer*innen überträgt.
3. Bei den Aufnahmen in Schweden hast du wieder auf spontane Kreativität gesetzt – gab es dabei einen Moment, der dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Beim Songwriting gab es den Moment gegen Ende des zweiten Tages. Wir hatten bereits vier Songs geschrieben, waren müde und beschlossen Feierabend zu machen, als sich Jorge, schon in Jacke und Schal, wie wir alle, noch einmal umdrehte, sagte: Ich hab da eine Idee und den Kontrabass griff, um uns die Grundakkorde von HOWL anzuspielen. Élénie und ich waren sofort on fire und wir haben in zehn Minuten diesen Über-Song skizziert. Das war so mühelos. Er kam einfach zu uns und wir mussten ihn nur festhalten.
Bei der Liveaufnahme war es der Moment, wo wir uns hinter der Bühne, zu viert, umarmen und dann rausgehen und unsere Instrumente nehmen. Ich habe mich absolut unbesiegbar gefühlt und wusste schon vor dem ersten Ton, dass es gut wird. Uns konnte einfach nichts passieren. Das kannst du auch in der Doku zum Album auf Youtube (https://www.youtube.com/watch?v=G3oAQJFsR1o&t=30s) sehen.
4. Auf „Aha. Ok. Let’s Surf The Planet.“ spürt man eine große Wärme und Tiefe in der Musik. Wie hast du mit deinen Mitmusiker*innen diese besondere Atmosphäre erschaffen?
Eine Puder Session Tapes Session bedeutet immer, acht bis zehn Tage lang 24/7 Zeit zusammen zu verbringen. Du wohnst zusammen, isst zusammen, machst Musik zusammen, gehst aus zusammen. Eigentlich das gute alte Hippie-Ding einer temporären Band. So erfährst du viel voneinander, kannst wenig verbergen und erlebst viel miteinander. Das fließt alles mit in das Songwriting und natürlich auch in den Sound der Songs.
Auf diesem Album kannst du buchstäblich hören, dass wir richtige Freunde sind, die in den letzten Jahren schon einiges zusammen erlebt haben. Wir kannten uns bereits vor der Session und hatten uns so gefreut, an einem Ort zusammen zu sein und Musik zu machen.
5. Die Mischung aus Soundscapes, Beats und Gesang erzeugt fast ein cineastisches Gefühl. War das von Anfang an dein Ziel oder hat sich das organisch entwickelt?
Am Anfang einer jeden Session steht das Nichts. Wir gehen total unvorbereitet hinein. Das ist Teil des Spiels. Alle können Wünsche äußern, was sie gerne spielen oder machen würden. Die Richtung ist nicht definiert. Alles ist erlaubt. Und mit dieser totalen Freiheit kann viel Neues entstehen und sich organisch weiterentwickeln.
Gregor Hennig vom Studio Nord in Bremen hat das Album gemischt und es mal wieder perfekt verstanden, die Intimität der Songs mit großem Kino im Background zu untermalen. Ich stand dann als Label vor der Herausforderung ein Album mit nur fünf Songs Streamingkompatibel zu machen. Die Vorgabe ist 30 Minuten Spielzeit oder sieben Song-IDs. Da habe ich mich an das Feist Album ‚Pleasure‘ erinnert, wo Songs in Soundscapes übergehen, die mit ihren Geräuschen Geschichten erzählen als Ohrenkino. Ich bekam die Idee, dass unser ganzes Album miteinander verbunden sein sollte, durch genau solche Sequenzen. Es beginnt und endet mit den Original-Publikumsgeräuschen aus Schweden. Zwischen die Songs habe ich What’s App Sprachnachrichten, die wir uns geschickt hatten auf Samples geschnitten und Fieldrecordings aus Australien und Brasilien gelegt. Friida aus Göteborg hat das Album nahtlos gemastert. Jede Plattenseite läuft durch. So hatte ich genug ID’s, genug Spiellänge und ein krasses Ergebnis in einem.
6. Du feierst mit diesem Album zehn Jahre Puder Session Tapes. Wie hat sich dein Blick auf Kreativität und Zusammenarbeit über diese Zeit hinweg verändert?
Als ich 2015 das Konzept für die Session Tapes kreiert habe, wollte ich mich meiner Angst vor dem Songwriting stellen. Ich hatte immer das Bild von mir, nicht zu wissen, ob ich gute Ideen haben kann, wenn ich möchte und hatte fast die feste Überzeugung, dass ich versagen werde. Schon während der ersten Session, 2016 mit Gregor Hennig, hat sich diese Fehlannahme aufgelöst. In den sieben Sessions, die ich bisher gemacht habe, habe ich gelernt, dass ich spontan endlos kreativ sein kann und dass mega Songs dabei herauskommen können wenn der Vibe mit meinen Songwriting Partner*innen stimmt.
7. Deine Gäste auf dem Album kommen aus verschiedenen Teilen Europas. Was bedeutet dir diese internationale Verbindung auf musikalischer und persönlicher Ebene?
Ich habe den Jazz-Kontrabassisten Jorge da Rocha, einen Portugiesen der in Barcelona und Arnheim lebt, die Alternative Sängerin Eliën, die in Arnheim lebt, aber in Deutschland aufgewachsen ist und den elektronischen Musiker und Beatmaker St.James Park, der in Braga, Nordportugal lebt, 2022 auf der Songwriting Residency des Westway Lab Showcase Festivals in Portugal kennengelernt. Es war kurz nach Corona und ich war so hungrig auf Reisen zu gehen und neue Menschen zu treffen. Die Residency war wie eine riesige Version einer Puder Session Tapes Session. Wir waren neun Musiker*innen aus sechs europäischen Ländern in verschiedenen Projekten, haben neun Tage in einer umgebauten Landwirtschaftskammer zusammengelebt und Musik gemacht. Am Ende waren wir ein großer Organismus. Ein Kollektiv quer durch Europa mit eigener WhatsApp-Gruppe, die sich auch hinterher viel besucht hat und weiter zusammen Projekte und Konzerte macht.
8. Mit dem Release steht auch eine spannende Tour bevor – auf welche der kommenden Live-Termine freust du dich besonders und warum?
Ganz ehrlich: Auf jede einzelne Show. Egal, ob ich da schon mal war oder ob es ein neuer Ort ist. Livegigs zu spielen ist ein großes Geschenk. Die Musik soll doch zu den Menschen. Ich genieße es zu performen und mit dem Publikum in Verbindung zu gehen. Das Erlebnis, was ein gelungenes Konzert kreiert, ist unbezahlbar.
9. Das Splatter-Vinyl sieht großartig aus und macht die Veröffentlichung besonders. Wie wichtig ist dir das physische Medium, gerade in einer Zeit, in der so viel digital läuft?
Ich kann in meinem privaten Leben sehr gut auf Dinge verzichten und versuche, meinen Besitz immer wieder zu minimieren. Das klappt problemlos, bis auf Bücher und Schallplatten. Ich muss Wörter und Musik in der Hand halten können. Ich brauche die Schönheit des Artworks und der gesamten Optik. Das erzählt doch schon so viel über den Inhalt. Streaming ist praktisch für unterwegs, aber Schallplatten hören, diese empfindliche Scheibe auf den Plattenteller zu legen, abzuwischen, anzuschalten und die Nadel aufzulegen, ist etwas ganz besonderes.
10. Was wünschst du dir, dass die Hörer*innen mitnehmen, wenn sie „Aha. Ok. Let’s Surf The Planet.“ hören – welche Reise sollen sie erleben?
Ich möchte sie mit den Songs berühren. Aufheben. Zuversicht geben. Ihre Reise kann gehen, wohin immer sie sich auch träumen mögen. Wir sind die Begleiter*innen, die ihnen zur Seite stehen, sie wissen lassen, dass sie nicht allein sind und ihnen die Hoffnung geben, dass, trotz aller Ups and Downs, am Ende alles gut wird.
Vielen lieben Dank, Catharina, für dieses großartige Interview und die inspirierenden Einblicke in dein neues musikalisches Universum! Wir freuen uns sehr auf das Album und die anstehende Tour! CK
Und ich sage danke, für die tollen Fragen und schicke Grüße aus Hamburg.

Puder
Aha. Ok. Let’s Surf The Planet.
Label: Pussy Empire Recording
VÖ: 06.06.2025
Genre: Electro Pop, Indie
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Bild: Puder Pressefotos // Catharina Boutari // 2022


