Mikromoon zünden Project Dada. Tanz auf dem Drahtseil zwischen Wut und Hoffnung

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Fünf erfahrene Musikerinnen und Musiker aus Saarbrücken bündeln seit 2022 ihre Energie in einer neuen Umlaufbahn. Mikromoon schicken Songs ins Universum, die sich nicht festlegen lassen. Indierock trifft Wave, Postpunk auf Folk, TripHop auf Grunge, Pop auf Psychedelik. Am 24.04.2026 erscheint ihr Debütalbum „The Nearest Distance“ über Barhill Records im Vertrieb von Cargo Records. Acht Tracks. Viel Haltung. Kein Eskapismus ohne Reibung.

Der Focustrack „Project Dada“ setzt auf Four to the floor, Disko Puls und Dada Attitüde. Ein Song gegen Selbstzweifel. Gegen Scham. Gegen das Gefühl, nicht dazuzugehören. Gleichzeitig bleibt die Frage offen. Ist das Lala Land Flucht oder Widerstand. Genau dort wird es spannend.

Ihr seid alle seit Jahren in unterschiedlichen Projekten aktiv. Warum war 2022 der richtige Moment für Mikromoon. Was hat gefehlt, das ihr hier gefunden habt.

    MM: Corona war gerade durch und unser ehemaliger Drummer hatte die Band verlassen. Mit der wiedergefundenen Freiheit nach der Pandemie kam Ralf als neuer Schlagzeuer zu uns. Eine glückliche Zusammenkunft. Das brachte eine neue Dynamik in die Band. Ralf war sozusagen das Puzzlestück, das uns „gerade noch gefehlt“ hatte.

    „The Nearest Distance“ klingt wie ein Paradox. Welche Distanz meint ihr. Emotional, politisch, zwischen Menschen.

    Annina: Wenn du den Song hörst, ist es erst einmal deine Sache wie du die Worte interpretierst. Das ist eine sehr persönliche und subjektive Angelegenheit. Gerade, wenn der Text eine gewisse Interpretationsfreiheit zulässt. Als ich den Song geschrieben habe, ging es aber tatsächlich um die emotionale Nähe zwischen zwei Menschen. Der Mensch, der dir am nächsten ist, den du liebst, mit dem teilst du die wunderbarsten Dinge. Er ist aber auch der nächste, wenn es darum geht, deine Abgründe und Schwächen zu sehen, zu erleben und auszuhalten. Und diese brauchen auch Anerkennung und Würdigung, denn sie gehören dazu. Zur Liebe und Nähe.

    Ihr beschreibt das Album als trotziges Gegengift zur Weltlage. Was genau wollt ihr kontern. Ohnmacht, Polarisierung, Dauerkrise.

    MM: Wir erleben gerade eine Zeit, in der man, wenn man sich um sein Seelenheil sorgt, besser daran tut, keine Nachrichten zu sehen oder zu hören. Polarisierung wird ad absurdum geführt. Unterschiede werden nicht gefeiert, sondern zum Anlass für Hass und Härte genommen. Die Angst der Menschen wird gnadenlos instrumentalisiert und viele merken noch nicht einmal, was da gerade mit ihnen vor sich geht. 

    Musik hat die wundervolle Eigenschaft; Menschen zusammenzubringen, Gegensätze zu überwinden, zu vereinen. Wir wollten dieses Gefühl der Einheit, der Zusammengehörigkeit, der Leidenschaft, die für das Gute brennt, dieses Gefühl in all seinen Facetten – und da ist unser Album, glauben wir, ganz gut aufgestellt – in die Welt schicken. Als positiven Gegenentwurf. Musik, zu der du tanzen, träumen, singen, schreien oder dir weinend in den Armen liegen kannst. Alles, was irgendwie frei macht.

    „Project Dada“ spielt mit Sinn und Unsinn. Ist Dada für euch Provokation, Schutzraum oder Befreiungsschlag.

    MM: Alle drei Antworten sind richtig! Bingo! Provozieren wollen wir dabei aber eher nur mit einem selbstironischen Augenzwinkern. Es tut gut, sich von allen Klischees, Erwartungen und festgefahrenen Meinungen freizukloppen:  Alles ist möglich. Es ist mit Überraschungen zu rechnen. Such‘ dir ‚nen schönen Platz zum Tanzen. Alles, was du bisher geglaubt hast, könnte auch falsch sein. Hier bist du sicher. Das sind zusammengefasst die Kernaussagen dieses Songs.

    Eure Songs bewegen sich zwischen bedingungsloser Liebe und hemmungsloser Wut. Wie haltet ihr diese Extreme musikalisch zusammen, ohne beliebig zu wirken.

    MM: Mit Leichtigkeit (wieder ein Augenzwinkern). Dass wir uns innerhalb der Songs zwischen diesen Amplituden bewegen, das bringt das gemeinsame Spielen mit sich. Alles muss raus! Die Dynamik entsteht von allein. Dabei haben wir keinen Anti-Beliebigkeits-Wirkungs-Plan.

    Annina, deine Texte oszillieren zwischen Intimität und gesellschaftlichem Blick. Schreibst du zuerst aus dem Bauch oder aus der Analyse.

    Annina: Ganz klar aus dem Bauch. Es ist ein Wort oder ein Satz oder ein Bild, das mir in den Sinn kommt und die Grundlage für den Text bildet. Oft gehe ich beim Schreiben sehr chaotisch vor. Reime und Versstrukturen geben dem Ganzen dann immerhin eine Form. In vielen Fällen weiß ich zunächst selbst nicht genau, was ich mit den Worten meine. Das stellt sich dann später, während der Auseinandersetzung damit, heraus. Strange, I know.

    Ihr habt im Oktober 2024 in Saarbrücken aufgenommen. Welche Rolle spielte der Ort. Rückzugsraum oder Reibungsfläche.

    MM: Das Privatstudio, in dem die Aufnahmen entstanden, war insgesamt sehr klein und kuschelig. Es hatte schon etwas von einem Rückzugsraum. Und auch, wenn es mitten in der Stadt liegt, fühlte man sich innerhalb seiner Wände wie in einem kleinen anderen Universum. Heimelig war es aber auch deswegen, weil das Studio für die Mehrheit der Bandmitglieder zu Fuß in 3-5 Minuten von zu Hause zu erreichen war. Es war also wie: “Ich geh ma graad rüber zu xy und mach Musik mit Freunden…”

    Mit Max Ludwig am Mix und Christian Bethge am Mastering habt ihr erfahrene Partner gewählt. Was war euch im Sound wichtiger. Druck oder Tiefe. 

    MM: Einige von uns haben schon mehrmals mit Max und Christian zusammengearbeitet. Daher wussten wir, was (alles Gutes) auf uns zukam. Was Begriffe wie „Druck“ und „Tiefe“ angeht, so hängt das von den jeweiligen Songs ab. Lieder wie „Fields“ leben von einer sphärischen Tiefe und dem Gefühl der Weite. „My New Shirt“ hingegen muss drücken im Gesicht und nach vorne gehen. Manchmal ist es nicht so einfach, das richtige Vokabular zu finden für den Sound, den man im Kopf hat. Doch da hat die Kommunikation zwischen uns wirklich gut funktioniert.

    Viele Bands sprechen von Genregrenzen, ihr ignoriert sie. Ist das Haltung oder einfach eure musikalische Sozialisation.

    MM: Letzteres. Wir sind zu fünft und alle von uns waren musikalisch schon in den unterschiedlichsten Genres unterwegs. Unsere Musikgeschmäcker sind so vielfältig wie ein gut sortierter Plattenladen. Mikromoon ist die Band, in der du all deine Lieblingsmusik spielen kannst. Ohne Grenzen. Das ist toll, oder!?

    Wenn „The Nearest Distance“ ein Gefühl wäre, das Hörerinnen und Hörer nach 40 Minuten mitnehmen sollen. Welches wäre das.

      MM: Auwei. Das ist die schwierigste Frage. Das kommt auf die Hörerinnen und Hörer an. Ist Leidenschaft ein Gefühl? Dann wäre es die Leidenschaft. Aber nicht diejenige, die Leiden schafft, sondern ganz klar die Leidenschaft, die Leiden abschafft!

      Danke für eure Offenheit, eure Klarheit und euren Mut zur Kante. „The Nearest Distance“ zeigt, dass Pop nicht glatt sein muss, um zu berühren. Ich wünsche euch einen starken Release am 24.04.2026, volle Clubs, neugierige Ohren und genau die Resonanz, die diese Songs verdienen.

      Interview by CK

      Mikromoon Bild © Matthias Widu Wittekindt

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