Dorfterror kommen aus einem Moseldorf und klingen nach Großlage. Nach Kellerproben, Demos, DIY-Festivals und politischer Praxis veröffentlichen sie mit Schreikinder ihr zweites Studioalbum. Produziert im Tonstudio45, roh, laut, klar. Die Platte ist ein Abrechnungsversuch und gleichzeitig ein Angebot zur Umarmung. Deutschpunk, der sich nicht wegtrinkt, sondern hinschaut. Themen wie Awareness, Gewalt, Klimakrise und soziale Kälte stehen im Zentrum, ohne Pathos, ohne Ausrede. Schreikinder ist kein Konzeptalbum, aber ein Zeitdokument einer Generation, die gelernt hat, dass Wut und Verantwortung zusammengehören.
Schreikinder klingt nach kollektiver Überforderung, aber auch nach Selbstbehauptung. Wann habt ihr gemerkt, dass dieses Album härter und klarer werden muss als alles davor.
Das war eher ein Prozess als ein konkreter Zeitpunkt: Mit dem Album bündeln wir die Aggression und Frustration, die sich bei uns in den letzten Jahren aufgestaut hat. Die No Future Kid EP hat einiges bewegt und wir haben sehr viel Resonanz von Menschen erhalten, die das auch alles fühlen. Daher war klar, dass wir darauf aufbauen, aber es gleichzeitig auch weiterentwickeln müssen. Außerdem war es eine logische Konsequenz aus dem Zeitgeschehen heraus. Viele der Songs handeln von Themen, die wir nicht auf die leichte Schulter nehmen. Und dabei immer schön unberechenbar bleiben.
Ihr beschreibt eine Generation, die etikettiert, aber selten ernst genommen wird. Welche Zuschreibung nervt euch am meisten und welche trifft vielleicht sogar einen wunden Punkt.
Unsere Generation wird gerne als faul, desinteressiert und ahnungslos dargestellt. Der Gipfel der Frechheit war “politikverdrossen”. Tatsächlich geschieht genau das Gegenteil: Grüße gehen raus an Fridays for Future! Junge Menschen engagieren sich mehr als je zuvor. Wir haben den Verdacht, dass die Dinge, die dabei so hochkommen, für einige Privilegierte sehr unbequem sind und da ist man dann schnell beim Ageism und persönlichen Angriffen, bei Nebelkerzen mangels guter Argumente, um abzulenken statt sich dem zu stellen. Die sichere Rente, der Tellerwäscher-zum-Millionär-Traum, all das zerbröselt in den neoliberalen Katastrophen der Moderne und killt unsere Zukunft. Es braucht dann keine arrogante Politik, die nur maximal über unsere Generation spricht, doch uns nicht an politischen Entscheidungen beteiligt. Wehrdienst, Teilzeit, Klima, es gibt so unfassbar viele Beispiele. Was wir uns aber selbst ankreiden müssen (unser wunder Punkt): Wir machen dabei auch noch mit. Zumindest indem wir aktiv sind auf Plattformen mit propagandistischen, ausbeuterischen Strukturen. Konsequent wäre, das einfach sein zu lassen, aber das kannst du dir nur leisten wenn du etabliert bist, denn gerade als junge Band findest du sonst kaum noch statt. Und nur weil Dorfterror nicht mehr postet ändert sich bei Meta genau gar nichts. Dann doch lieber laut sein.
Viele eurer Texte thematisieren Dinge, die früher im Punk oft verdrängt wurden. Awareness, häusliche Gewalt, Ausbeutung. Gab es Diskussionen in der Band, wie direkt ihr damit umgehen wollt.
Es gibt bei uns ein gemeinsames Grundverständnis, dass man diese Themen ansprechen muss. Die Punkszene hat sich über die Jahrzehnte stark verändert: Punk lehnt nicht einfach nur ab, sondern hinterfragt und will positive Veränderung, ist politisch aktiv und Vielfalt ist wichtig. Das alles leben und fühlen wir als Band. Nehmen wir mal Awareness als Beispiel: Das Thema hatten wir in unseren frühen Jahren selbst nicht auf dem Schirm, bis eine Freundin von uns auf einem unserer Konzerte belästigt wurde. Mit einem Schlag wurde uns die ganze Problematik klar und wir erkennen: Täter sind fast nur Männer, Opfer fast nur Frauen und es gibt keine echten safe spaces. Du kannst das nun ausblenden oder du kannst das thematisieren und dagegen arbeiten. Das ist für viele zu anstrengend, aber es ist die Realität. Gerade cis-Männer haben Privilegien, die andere nicht haben. Gleichzeitig ist es wichtig, den Opfern die Kontrolle und Deutungshoheit darüber zu geben und sie den Tätern wegzunehmen. Gerade auch der öffentliche Diskurs hat hier massiven Nachholbedarf.
Der Sound ist melodisch, aber antagonistisch. Wie bewusst war die Entscheidung, Inhalte nicht nur über rohe Aggression, sondern über eingängige Strukturen zu transportieren.
Diese Kombination aus eingängigen Melodien und treibenden, aggressiven Teilen spiegelt den Kontrast aus Wut und Frustration auf der einen und Zuversicht und Ausweg auf der anderen Seite wider. Wir möchten in dieser beschissenen Lage nicht nur totanalysieren, sondern auch in den Arm nehmen und gemeinsam Wege finden. Und wir möchten zu mehr Eigeninitiative anregen, mehr self-empowerment. Dabei soll jeder Song für sich stehen, sowohl inhaltlich wie musikalisch. “Oh Panama” z.B. handelt von wachsender Verzweiflung in einer Abwärtsspirale, aber am Ende ziehst du dich selbst aus der Affäre. Auch das dystopische “No Future Kid” erkennt im Zerfall die Chance und zieht die Konsequenzen daraus. Einige Songs haben sich im Laufe des Songwriting auch genau so entwickelt. Es ist anscheinend für uns auch eine Art Ventil, um die hohen Schlagzahlen zu bewältigen, mit denen man überall konfrontiert ist und denen man kaum entkommen kann.
Das Album macht trotz aller Dystopie Hoffnung. Ist Hoffnung für euch ein politischer Akt oder eher ein persönlicher Schutzmechanismus.
Hoffnung klingt eher passiv und machtlos. Zuversicht wäre treffender, denn die gibt uns die Macht zurück. Politischer Aktivismus ist notwendig, es ist die Konsequenz aus der Gesamtsituation, mit der sich zu viele abgefunden haben. Viele haben die Hoffnung verloren, andere hatten sie nicht mal. Doch zu viele setzen mittlerweile auf Reaktionismus, lassen sich gegeneinander ausspielen. Das ist die eigentliche, große Angst vor der Zukunft: Was wird, wenn Neofaschismus hier wieder übernimmt? Insofern ist Zuversicht für uns wohl beides.
Ihr habt Schreikinder mit Kurt Ebelhäuser und Michel Wern aufgenommen. Was haben sie euch im Studio abverlangt und was haben sie euch ermöglicht.
Das war für uns eine ganz neue und wunderbare Erfahrung. Bei unseren eigenen Aufnahmen früher im Keller waren wir sehr penibel. Und dann kommst du ins Studio und die Ecken und Kanten, gegen die du vorher tagelang gekämpft hast, sind nun voll ok. Und plötzlich wird dir alles so viel klarer. Die Studiozeit war für uns nicht nur Aufnahmezeit, sondern vor allem auch Horizonterweiterung. Vor allem aber haben die beiden unseren Sound auf ein ganz neues Level gehoben: Direkter, härter, gleichzeitig aber auch emotionaler und wärmer.
Dorfterror waren von Anfang an mehr als eine Band. Demos, Soli-Projekte, Konz wird laut. Wo zieht ihr für euch die Grenze zwischen Musik und Aktivismus.
Da gibt’s für uns keine und damit sind wir nicht allein: Musik und viele Formen der Kunst sind schon immer zutiefst politisch geprägt gewesen. Und Musik verbindet und emotionalisiert. Da stehen neben dir ganz andere Menschen auf einem Konzert und plötzlich leidest und feierst du gemeinsam, weil die Musik dich berührt und weil du dich darin wiedererkennst. Wenn dir dann am Ende diese Freiräume genommen werden, indem z.B. dein Club schließen muss, dann sind wir eben nicht die, die weiterziehen. Als das legendäre Exhaus in Trier nach rund 50 Jahren geschlossen wurde, organisierten wir einen Soli-Sampler und spendeten die Einnahmen ans Aktionsbündnis Exhaus bleibt. Glücklicherweise unterstützten uns viele Bands aus der Szene, die deutlich bekannter sind als wir, wie Slime, ZSK, Popperklopper, Pascow, oder Love A, aber auch lokal erfolgreiche Künstler*innen wie DMO, Christmas, Captain Capgras, Freidenkeralarm, VanDerMeer… ohne diesen Rückhalt aus der Szene wär’s nicht gegangen.
Subkulturelle Räume sterben, das Exhaus ist dafür ein Symbol. Was verliert eine Szene, wenn solche Orte verschwinden und was entsteht vielleicht neu.
Da geht zuerst mal eine ganze Menge verloren. Entfaltungsräume für Jugendliche. Kreatives, kollektives Schaffen. Alternative Subkultur, aus der immer wieder so viel Neues entsteht. Austausch über Meinungs-Bubbles und Echokammern hinweg. Kunst und Kultur beginnt fast immer in solchen Räumen, und nicht in Stadien. Es sind auch Rückzugsorte, safer spaces. Diese Räume schützen unsere Demokratie und begründen eine offene, vielfältige Gesellschaft. Sie verbinden, wo andere mit einer rückwärtsgewandten politischen Agenda so gerne trennen möchten. Wir selbst spielten eines der letzten Konzerte im Exhaus, bevor es schließen musste, wurden als sehr junge Band dort mit offenen Armen empfangen und konnten ausprobieren. Einige lokale Bands wurden im Exhaus groß und danach bundesweit bekannt. Wir fühlten uns daher auch ein Stück weit persönlich betrogen, als uns dieser Entwicklungsraum genommen wurde. Das Exhaus war vor allem auch ein Ort der Synergien. Nur wenig wurde in anderer, reduzierter Form aufgefangen und weitergeführt, wäre im Exhaus aber sicher besser aufgehoben. Umso mehr freut es uns, dass aus dem Aktionsbündnis heraus eine Genossenschaft gegründet wird, um das Exhaus neu zu beleben.
Ihr seid bei Dackelton Records gelandet, einem Label mit klarer Haltung. Was bedeutet dieses Umfeld konkret für eure Arbeit und eure Reichweite.
Erstmal müssen wir ganz viel Liebe an die Labelmanagerin Bianca und ihr Team schicken, die das alles ermöglichen und uns in ihrem sehr familiär geführten “Rudel” aufgenommen haben. Gerade als junge Band hat man viel damit zu kämpfen, überhaupt ernst genommen zu werden. Dackelton ist da völlig anders und bietet uns eine wunderbare Möglichkeit in die Musikwelt hineinzuwachsen. Mit Netzwerk und ganz viel Erfahrung, aber ohne eine harte Business-Agenda, die man an vielen anderen Stellen auch im Punk so findet. Wir fühlen uns hier wirklich sehr wohl.
Wenn Schreikinder in zehn Jahren wieder aufgelegt wird. Was hofft ihr, dass sich gesellschaftlich verändert hat und was vermutlich immer noch Thema sein wird.
Das meiste wird wohl leider nie ganz verschwinden und auch in zehn Jahren hochrelevant sein. Es braucht jetzt eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung und einen breiten Zusammenhalt, um den aktuellen Trend Richtung Neofaschismus und allem, was daraus folgen würde, umzukehren. Doch da steckt etwas ganz tief in der Gesellschaft, vor dem man wirklich Angst haben muss. Vermutlich wäre die realistischste Hoffnung, dass die Gesellschaft dies mehrheitlich erkennt. Und der unrealistische Traum, dass wir in uns selbst nach den Ursachen forschen.
Vielen Dank an Dorfterror für eure Zeit, eure Offenheit und eure Konsequenz. Schreikinder ist laut, unbequem und solidarisch. Genau deshalb ist dieses Album wichtig. Wir wünschen euch eine kraftvolle Releasephase, sichere Konzerte, wache Ohren im Publikum und den langen Atem, den es braucht, um dranzubleiben.
Interview by CK
Dorfterror Bandfoto © Boris Ruth ( @wild_n_free_photography auf Insta)


