Giganten im Garten: Museum Alzey eröffnet spektakuläre Sonderausstellung 

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Als Alzey noch keine 20.000 Einwohner zählte, gruben, sammelten und zitierten seine Bürger die Antike – mit echter Begeisterung, mit Humor und mitunter mit handfestem Ehrgeiz. Was dabei ans Licht kam, ist jetzt erstmals zu sehen: Das Museum Alzey eröffnet seine Sonderausstellung „Giganten im Garten“ und nimmt uns mit in eine faszinierende Episode der Stadtgeschichte.

Wer etwas gelten wollte, der grub. Oder sammelte. Oder zitierte zumindest seinen Horaz. Um die Jahrhundertwende war die Begeisterung für die Antike in Alzey mehr als eine akademische Mode. Sie war gesellschaftlicher Ausweis, persönliche Leidenschaft und manchmal auch charmante Schrulligkeit. Auf den stolz aufgetürmten Gigantentrümmern im eigenen Garten, sorgfältig fotografisch festgehalten, dürfte so mancher Schoppen gestanden haben.

Genau diese Welt macht die neue Sonderausstellung des Museums Alzey sichtbar: „Giganten im Garten – Alzeyer entdecken ihre Antike (1900–1914)“ öffnet den Blick auf eine Stadtgesellschaft im Aufbruch. Und auf die Fragen der Menschen, die sie damals bewegten.

600 Objekte, 130 Quadratmeter, eine ganze Epoche

Rund 80 Gäste erlebten am Donnerstagabend die Eröffnung einer Ausstellung, die in ihrer Dichte und Präzision beeindruckt. Auf etwa 130 Quadratmetern hat das Museumsteam um Prof. Dr. Tim Kerig rund 600 Objekte versammelt: spektakuläre Ausgrabungsfunde und nie gezeigte Planzeichnungen, vollständige Privatsammlungen, Reisesouvenirs und Alltagsgegenstände einer Zeit, in der die Antike plötzlich überall war. Auf dem Möbelfuß, am Türrahmen, in der Schulstunde und im Schaufenster.

Bürgermeister Steffen Jung hob in seiner Eröffnungsrede hervor, was das Museum als Ort ausmacht: „Man steht hier nicht vor einem Bildschirm, sondern vor echten Objekten, echter Historie und einer Geschichte, die mit diesem Ort und unserer Stadt verbunden ist.“ Gerade die Verbindung von wissenschaftlicher Arbeit, bürgerlichem Engagement und städtischem Leben macht Museum und Ausstellung zu mehr als einer bloßen Rückschau.

Jean Braun, Jakob Curschmann und alle Vergessenen

Museumsleiter Prof. Dr. Tim Kerig führte die Gäste in der anschließenden Einführungsrede tief in die Welt der frühen Alzeyer Altertumsforscher ein. Im Grunde sind es immer dieselben Namen, die in Verbindung mit dieser Epoche auftauchen: Jean Braun, der Initiator hinter Vereinsgründung, Sammeltätigkeit und Ausgrabungen. Jakob Curschmann, der 1905 bei Dautenheim eine römische Villa dokumentierte. Und zwar so präzise, dass im Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz ein Gipsmodell als dreidimensionales Zeugnis entstand. Und Wilhelm Unverzagt, der in Alzey erste Grabungserfahrungen sammelte und später die spätantike Keramik des Alzeyer Kastells als Doktorarbeit vorlegte.

Aber Kerig ließ es nicht dabei bewenden. Er stellte die Frage, die die Ausstellung so ungewöhnlich macht: Was ist mit denen, die in keiner Akte auftauchen? Mit den Bahnarbeitern, den Winzerinnen, den Hausmädchen? Wie haben sie die Renaissance der Antike erlebt? In der Geste, mit der man eine historistische Uhr abstaubt? Im Blick auf das mächtige Schultor am ersten Schultag? Die Sonderausstellung wendet sich genau diesen Perspektiven der zahlreichen Akteure zu, die neben den großen Namen beteiligt waren beziehungsweiße sie miterlebt haben.

Ein Verein, eine Stadt, eine Epoche

Steffen Unger, Verbandsbürgermeister und Vorsitzender des Altertumsvereins für Alzey und Umgebung e. V., blickte auf die Geschichte zurück, die Museum und Verein verbindet: 1906 gegründet, prägte der Verein das kulturelle Leben der Stadt über Jahrzehnte. 1983 übergab er das Museum an die Stadt. Die Zusammenarbeit aber blieb – und lebt in dieser Ausstellung fort.

Dass die Ausstellung in dieser Form möglich ist, ist einem bemerkenswert breiten Netzwerk zu verdanken: Leihgaben kamen unter anderem vom Hessischen Landesmuseum Darmstadt, der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts und von Alzeyer Privatpersonen. Ehrenamtliche leisteten in der Vorbereitungsphase nach eigener Aussage von Kerig „sicher hunderte Stunden“. Diesem Engagement und allen Unterstützern gilt deshalb großer Dank.

Einfach mal reinkommen

So fulminant und sehenswert „Giganten im Garten“ auch ist – die Ausstellung ist nicht als großes Spektakel gedacht. Kerig selbst empfahl den Gästen am Eröffnungsabend: „Immer wieder zehn Minuten ins Museum kommen und entdecken macht mehr Spaß als alle zehn Jahre drei Stunden.“ Die Sonderausstellung ist zunächst bis Ende Dezember zu sehen.

Führungen für Schulklassen und Kindergruppen sind buchbar per E-Mail an jutta.goettel-becker@alzey.de. Der Eintritt ist, wie immer im Museum Alzey, frei.

Museum Alzey, Antoniterstraße 41, 55232 Alzey
Montag bis Freitag: 10.00–12.30 und 13.30–16.30 Uhr
Samstag, Sonntag und Feiertage: 10.00–12.00 und 14.00–16.30 Uhr

Foto: Stadtverwaltung Alzey

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