
Jamie Cullum in Mannheim: Jazz, Pop und pure Spielfreude
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Jamie Cullum in Mannheim war am 25. März 2014 alles andere als ein gepflegter Jazzabend, bei dem Musiker und Publikum brav auf ihren Plätzen bleiben. Im Mozartsaal des Rosengartens Mannheim zeigte der Brite vor mehr als 2.000 Besuchern ziemlich schnell, warum seine Konzerte seit Jahren weit über die klassische Jazzszene hinaus funktionieren. Das Klavier war bei ihm Instrument, Arbeitsplatz und manchmal beinahe Sportgerät zugleich. Cullum spielte, sprang auf, wechselte die Position, suchte den Kontakt zu den Menschen und machte aus einem Konzertsaal einen Raum, der im Laufe des Abends immer lockerer wurde. Ein Auftritt mit ständigem Bewegungsdrang.
Schon beim Fotografieren merkte ich, dass man bei Jamie Cullum besser aufmerksam blieb. Lange ruhig am Flügel sitzen war nicht sein Ding. Gerade noch konzentriert über den Tasten, im nächsten Moment wieder auf den Beinen und mit diesem verschmitzten Ausdruck im Gesicht, der den Eindruck vermittelte, als könne gleich irgendetwas passieren. Dabei geriet die Musik nie zur Nebensache. Cullum konnte innerhalb weniger Minuten von einem kraftvollen Pop-Groove zu einem leisen Jazzmoment wechseln und kurz darauf das Ganze wieder komplett aufbrechen.
Jamie Cullum bringt „Momentum“ in den Rosengarten Mannheim
Musikalisch stand der Abend stark im Zeichen von „Momentum“. Das 2013 veröffentlichte Album hatte Cullums ohnehin weit gefassten Jazzbegriff noch stärker Richtung Pop, Elektronik und zeitgenössische Songwriter-Musik geöffnet. Stücke wie „The Same Things“, „Everything You Didn’t Do“, „When I Get Famous“, „Save Your Soul“ oder „You’re Not the Only One“ gehörten in dieser Phase fest zu seinem Programm. Seine Band mit Rory Simmons, Loz Garratt, Tom Richards und Brad Webb gab ihm dabei genau den Freiraum, den er für seine spontanen Ausflüge brauchte. Eine vergleichbare Show dieser Besetzung bei den Leverkusener Jazztagen dokumentiert, wie eng neues Material, ältere Songs, Standards und Coverversionen damals ineinandergriffen.
Das funktionierte im Mozartsaal erstaunlich gut. Ein Song konnte als sauber gebautes Stück beginnen und wenige Minuten später ganz woanders landen. Jazz war dabei weniger Genregrenze als Werkzeug. Cullum nahm sich Freiheiten, verschob Rhythmen, griff Melodien anderer Künstler auf und machte keinen großen Unterschied zwischen Cole Porter und Rihanna. Gerade dadurch bekam der Abend diese Unberechenbarkeit, die man bei perfekt durchprogrammierten Konzerten oft vermisst.
„Love for Sale“ plötzlich mitten im Publikum
Der vielleicht beste Beweis dafür kam mit „Love for Sale“. Irgendwann reichte Jamie Cullum die Bühne offenbar nicht mehr. Er verließ seinen eigentlichen Arbeitsplatz und machte sich auf den Weg durch den Rosengarten, bis hinauf in den Zuschauerbereich. Ein zeitgenössischer Bericht des Mannheimer Konzerts beschreibt, wie er große Teile des Cole-Porter-Stücks aus dem oberen Rang sang. Plötzlich war der Künstler, den eben noch alle vorne auf der Bühne beobachtet hatten, mitten zwischen den Besuchern.
Solche Momente wirken schnell künstlich, wenn man merkt, dass sie Abend für Abend exakt auf dieselbe Sekunde geplant sind. Hier fühlte es sich anders an. Cullum hatte ohnehin diese leicht rastlose Bühnenenergie, bei der man ihm zutraute, jederzeit die geplante Route zu verlassen. Und genau damit bekam er auch jene Teile des Publikums, die den Abend zunächst eher zurückhaltend verfolgt hatten. Aus Zuhören wurde Mitmachen.
Von Jazzstandards bis Rihanna
Ohnehin ließ sich dieser Abend musikalisch kaum in eine saubere Schublade stecken. In Cullums damaligem Liveprogramm trafen eigene Songs wie „Get Your Way“, „I’m All Over It“, „All at Sea“, „These Are the Days“ und „Mixtape“ auf Jazzstandards und eigenwillige Cover. Seine Version von Rihannas „Don’t Stop the Music“ gehörte längst zu den Nummern, bei denen deutlich wurde, wie selbstverständlich er Popsongs auseinandernehmen und mit völlig anderem Charakter wieder zusammensetzen konnte. Auch „Just One of Those Things“, „Love for Sale“ und „Pure Imagination“ gehörten in dieser Tourphase zum Repertoire.
Dabei war Cullum kein Pianist, der sich hinter seinem Instrument versteckte. Ganz im Gegenteil. Mal hämmerte er regelrecht auf die Tasten, dann wurde es wieder erstaunlich fein und ruhig. Seine Band reagierte auf diese Wechsel mit einer Selbstverständlichkeit, die viel Raum für spontane Momente ließ. Genau das machte das Zuschauen so interessant. Man hatte nie den Eindruck, dass hier einfach nur eine Setlist Punkt für Punkt abgearbeitet wurde.
„Mixtape“ macht aus dem Mozartsaal einen Chor
Zum Ende hin war vom anfänglich klassischen Konzertsaalgefühl kaum noch etwas übrig. Bei „Mixtape“ nahm Cullum das Publikum endgültig mit. Der Refrain wurde gemeinsam gesungen, und selbst Besucher, die vorher eher entspannt auf ihren Sitzen geblieben waren, ließen sich von dieser Energie anstecken. Ein zeitgenössischer Augenzeugenbericht erinnert sich daran, dass der Chor des Songs noch nachwirkte, als die Musiker die Bühne bereits verlassen hatten.
Genau diese Momente sind mir bei Jamie Cullum im Rosengarten Mannheim besonders hängen geblieben. Natürlich ist er ein hervorragender Pianist. Natürlich kann er Jazz. Aber live war da viel mehr: Pop, Improvisation, Humor, körperliche Energie und diese permanente Lust, einen Song im nächsten Augenblick noch einmal anders zu spielen.
Am 25. März 2014 brauchte Jamie Cullum dafür keine riesige Arena und keine überladene Produktion. Ein Flügel, eine starke Band und mehr als 2.000 Menschen im Mozartsaal reichten vollkommen. Den Rest erledigte er selbst.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures













