
BAP in Mannheim: 40 Jahre Kölschrock im Rosengarten
Beitrag teilen
Fünf Sekunden reichen. „Frau, ich freu’ mich“ hat gerade begonnen, da steht ein großer Teil des Mozartsaals bereits auf den Beinen und klatscht mit. Kein langsames Herantasten, keine komplizierte Einführung. Am 8. Juni 2016 feiern BAP in Mannheim ihr 40-jähriges Bestehen vor 2.200 Fans im ausverkauften Rosengarten. Wolfgang Niedecken und seine neu formierte Band nehmen sich dafür Zeit. Fast drei Stunden und 29 Songs später wird der Abend akustisch direkt an der Bühnenkante enden. Dazwischen liegen vier Jahrzehnte Kölschrock.
2016 gibt es gleich mehrfach Grund zum Feiern. Niedecken ist wenige Wochen zuvor 65 geworden, BAP existieren seit 1976 und mit „Lebenslänglich“ ist im Januar das 18. Studioalbum erschienen, das erste reguläre BAP-Studioalbum seit fünf Jahren. Parallel zur Jubiläumstour erscheint die Retrospektive „Die beliebtesten Lieder 1976–2016“. Genau danach klingt auch das Konzert: neue Stücke bekommen ihren Platz, doch der Abend gehört vor allem den Songs, die BAP über Jahrzehnte begleitet haben.
Alte Arrangements holen den Rosengarten sofort ab
Nach dem Auftakt folgt „Ne schöne Jrooß“, anschließend „Nix wie bessher“, „Fortsetzung folgt“, „Für ’ne Moment“ und „Jupp“. Auffällig ist, wie stark BAP bei vielen Klassikern wieder auf jene Arrangements setzen, mit denen die Songs ursprünglich bekannt wurden. Kein zwanghafter Versuch, jeden alten Titel komplett neu zu erfinden. Stattdessen klingt vieles vertraut und gleichzeitig erstaunlich frisch.
Dafür sorgt auch die veränderte Besetzung. Ulrich Rode übernimmt die Leadgitarre und bringt neben elektrischen Sounds auch akustische Instrumente in den BAP-Kosmos. Hinter dem Schlagzeug sitzt Sönke Reich, der mit deutlich spürbarer Kraft arbeitet und gleichzeitig die leiseren Passagen kontrolliert spielen kann. Die Band klingt kompakt, warm und rockig. Genau diese Richtung hatte bereits „Lebenslänglich“ eingeschlagen.
Bei „Aff un zo“ steht der Rosengarten erneut geschlossen. Danach führen „Alles relativ“ und das eindringliche „Absurdistan“ in die Gegenwart. BAP feiern ihre Vergangenheit, ohne 2016 auszublenden.
Zwischen Köln, Afrika und politischen Tönen
Wolfgang Niedecken war nie ein Sänger, der Politik konsequent aus seinen Konzerten heraushält. In Mannheim wird das besonders bei „Vision von Europa“ deutlich. Niedecken spricht über Afrika und sein Engagement für ehemalige Kindersoldaten, bevor „Diego Paz wohr nüngzehn“ die musikalische Spannung wieder anzieht.
Kurz darauf kehrt der Abend nach Köln zurück. „Unger Krahnebäume“ und „Dausende von Liebesleeder“ tragen den unverwechselbaren Blick auf Niedeckens Heimatstadt in den Mozartsaal. Dann setzt sich die Band. Das Licht wird ruhiger, die große Rockshow schrumpft für einige Songs zusammen. „Jraaduss“, „Paar Daach fröher“, „Alles em Lot“ und „Do kanns zaubere“ bilden einen intimeren Block. Bei letzterem leuchten sogar einige Wunderkerzen im Publikum.
Und dann bekommt Mannheim seinen Überraschungsgast.
Xavier Naidoo singt mit Wolfgang Niedecken
Xavier Naidoo betritt die Bühne. Der Mannheimer war wenige Wochen zuvor gemeinsam mit Wolfgang Niedecken in der dritten Staffel von „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ zu sehen gewesen. Nun stehen beide im Rosengarten zusammen am Mikrofon und singen „Songs sinn Dräume“. Für einen Abend, der ohnehin stark von Heimat und musikalischer Geschichte geprägt ist, könnte der Gast kaum besser passen.
Danach bleibt wenig Zeit für Sentimentalität. „Kristallnaach“ folgt in einem Arrangement, das wieder bewusst an die klassische Version anknüpft. Bei „Arsch huh, Zäng ussenander“ laufen historische Aufnahmen der Konzerte von 1992 und 2012 über die Videoflächen. Früher und heute stehen plötzlich gleichzeitig auf der Bühne. Alte Bandbesetzungen auf den Leinwänden, die aktuelle Formation davor. BAP machen aus 40 Jahren keine staubige Rückschau, sondern eine lebendige Familiengeschichte.
„Verdamp lang her“ bringt Mannheim auf die Beine
Nach rund 140 Minuten kommt der Moment, auf den niemand ernsthaft verzichten könnte. Die ersten Töne von „Verdamp lang her“ reichen und der Rosengarten steht. Mehr als drei Jahrzehnte nach Veröffentlichung hat der Song nichts von seiner Wirkung verloren. Niedecken singt, Mannheim antwortet. Der Klassiker beendet zunächst das reguläre Set.
Aber nach Hause geht noch niemand.
Mit „Halv su wild“, „Alexandra, nit nur do“, „Dä Herrjott meint et joot met mir“, „Amerika“ und „Unendlichkeit“ beginnt eine lange Zugabenrunde. Bei „Alexandra, nit nur do“ bekommt Sönke Reich sogar Raum für ein Schlagzeugsolo. Ein ungewöhnlicher Moment in der langen BAP-Geschichte, der gleichzeitig zeigt, wie viel Eigenständigkeit die neue Besetzung inzwischen entwickelt hat.
Dann steht Xavier Naidoo ein zweites Mal auf der Bühne. Gemeinsam mit Niedecken entsteht eine teilweise ins Kölsche übertragene Version von „Was wir allein nicht schaffen“, die für diesen Mannheimer Abend wie gemacht wirkt.
Ganz vorne an der Bühnenkante endet die Zeitreise
Nach „Rita, mir zwei“ wird es ein letztes Mal ruhiger. Keine große Schlussinszenierung. Die Musiker gehen nach vorne an den Bühnenrand und spielen „Et letzte Leed“ akustisch. Nach fast drei Stunden, 29 Songs und einer Reise von den Siebzigern bis zu „Lebenslänglich“ braucht es keinen weiteren Effekt.
BAP hatten an diesem Abend nicht versucht, jünger zu klingen als sie waren. Sie mussten es auch nicht.
40 Jahre Kölschrock standen im Rosengarten.
Und „Verdamp lang her“ klang plötzlich wieder ziemlich nah.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures














